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Rinteln Stadt Tüxen und die Nationalsozialisten
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07:46 30.05.2018
Reinhold Tüxen Quelle: pr
Rinteln

In Schreiben an Bürgermeister Thomas Priemer, Richard Pott, den Vorsitzenden der Tüxen-Gesellschaft, und an heimische Politiker hatte Lukas Nicolaisen, der Leiter der Fachstelle, darauf aufmerksam gemacht, dass der Namensgeber des Wissenschaftspreises, der 1980 in Rinteln verstorbene Reinhold Tüxen nach seiner Auffassung eng mit den Nationalsozialisten verbunden gewesen sei.

Zu eng. Nicolaisen betont deshalb in seinem Schreiben: Kein Preis könnte heute nach Tüxen benannt sein.

Als Gründe nennt Nicolaisen unter anderem, dass nach seinen Recherchen Tüxen an den Planungen für die Begrünung der Autobahnen, des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg und des Westwalles sowie die Begrünung von Ausschwitz-Birkenau beteiligt war.

Schlüsselrolle für Blut- und Bodenideologie

Nicolaisen schreibt: „Hier spielte Reinhold Tüxen, der durch seine Vegetationskartierungen und die darauf beruhenden Pflanzenempfehlungen heimischer Arten, was die Blut-und-Boden-Ideologie scheinbar belegte, eine Schlüsselrolle.“

Er vermisste zudem, dass die Stadt Rinteln und die Tüxen-Gesellschaft es bisher versäumt hätten, auf der jeweiligen Homepage in der Schilderung von Tüxens Lebenslauf auch auf diese Fakten einzugehen.

Das ist inzwischen nachgeholt worden. Allerdings, relativiert Pott, sei das, was Nicolaisen in seinem Schreiben aufliste, „kein Geheimnis gewesen“. Das alles habe Tüxen selbst publiziert. Aus allem lasse sich „aber nur schließen, dass Tüxen Projektmittel bekam, also staatliche Aufträge erfüllte“, bei denen es „nicht um Ideologie“ gegangen sei. Soll heißen: Alles andere ist Interpretationssache.

Keine Überraschung

So überraschend neu, wie das Schreiben von FARN-Pressesprecherin Marion Andert an die Medien suggeriert, ist die „Aufdeckung“ von Tüxens Zusammenarbeit mit nationalsozialistischen Regierungsstellen tatsächlich nicht, wie man bei Recherchen im Internet schnell feststellen kann.

So hatte beispielsweise die Tageszeitung (taz) bereits im Juni 2015 in einer Geschichte („Braune Wurzeln“) die Rolle des Naturschutzes im Dritten Reich beleuchtet: „Tüxens Theorien waren wichtig für die scheinbare Verwissenschaftlichung der Blut-und-Boden-Ideologie.“

Auch bei Wikipedia findet sich ein Kapitel über Tüxens Engagement im Dritten Reich. Ohne Zweifel hat Tüxen ab 1942 auch deshalb eine steile Karriere gemacht, weil seine pflanzensoziologischen Arbeiten und seine Beschäftigung mit der „potenziell natürlichen Vegetation“ in das nationalsozialistische Weltbild gepasst haben. Hier weist Nicolaisen auf den „Ausrottungskrieg“ gegen das kleinwüchsige Springkraut im Hannoveraner Stadtwald Eilenriede hin, den Tüxen geführt hat. Nicolaisen zitiert: „Wie beim Kampf gegen den Bolschewismus unsere gesamte ausländische Kultur auf dem Spiele steht, so beim Kampf gegen den mongolischen Eindringling eine wesentliche Grundlage dieser Kultur, nämlich die Schönheit unseres heimischen Waldes!“

Kriegswichtige Pflanzen

Tüxens Pflanzensoziologie wurde sogar als kriegswichtig eingestuft. Zunächst ging es um die Tarnung des Atlantikwalls. Außerdem sollten seine Mitarbeiter für das Militär Gelände-Informationen sammeln. Fazit bei Wikipedia: Tüxens Aufstieg zum führenden Pflanzensoziologen in Deutschland sei verbunden gewesen mit seiner engen Verflechtung mit den Eliten im Dritten Reich.

Tüxen war keineswegs der Einzige aus dem Bereich Wissenschaft und Naturschutz, der sich hat vereinnahmen lassen. Nur ein Beispiel von vielen: Professor Alwin Seifert, der „Reichslandschaftsanwalt“, war später Vorsitzender des Bundes Naturschutz in Bayern und Ordinarius für Landschaftsarchitektur in München und erhielt 1961 das Bundesverdienstkreuz.

Bürgermeister Priemer zeigte sich gestern in einem Telefongespräch vor allem darüber überrascht, dass die Fachstelle ausgerechnet jetzt, wenige Tage vor der Preisverleihung mit ihren „Enthüllungen“ an die Öffentlichkeit getreten ist. Selbstverständlich werde sich die Stadt, in diesem Fall Historiker Stefan Meyer, mit den von der Fachstelle vorgetragenen Zusammenhängen befassen. Den Preis umzubenennen, daran sei allerdings nicht gedacht.

Entscheidend sei inzwischen etwas anderes: In Rinteln treffen sich aus Anlass der Preisverleihung Vegetations-Wissenschaftler aus aller Welt, um sich auszutauschen. wm