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Rinteln Stadt Wenn Bücher Flügel verleihen
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00:38 07.09.2014
Bezieht ihre jungen Zuhörer auch aktiv mit ein: Bei „Lese-Oma“ Helga Frevert gibt es keine Langeweile. Quelle: pr.
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Rinteln

Vielleicht entwickelte sich Helga Frevert (72) aus Krankenhagen gerade deshalb zur Leseratte, aus der dann nach und nach eine Vorleserin wurde, die vor allem Kindern beweisen will, dass Astrid Lindgrens schönes Motto wirklich gilt: „Gebt uns Bücher, gebt uns Flügel!“

 Von den Kindergartenkindern, denen sie regelmäßig – unter anderem am Mittwochvormittag in der Kreisergänzungsbücherei in Rinteln – Geschichten vorliest, wird sie längst „Lese-Oma“ genannt. Ein Name, den Frevert durchaus mit Stolz trägt, denn wirklich, sie macht es so, wie traditionelle Großmütter es machen: Sie erzählt von früher und fragt nach dem Heute, sie lächelt mal verschmitzt, mal einfach nur gutmütig über das ganze Gesicht. Und sie kann, wenn es sein muss, auch streng sein und alle Aufmerksamkeit einfordern. Meistens hängen die Kleinen ihr aber sowieso an den Lippen, vor allem, wenn es um so spannende Dinge geht wie dem bösen Wolf und den drei Schweinchen, die ihn tapfer besiegen.

 Das erste Buch, das Frevert sich kaufte, waren die Märchen aus tausendundeiner Nacht. Damals war sie 18 Jahre alt, gerade noch rechtzeitig vor dem Mauerbau aus der Ex-DDR geflohen, im Flüchtlingslager gelandet und dann zusammen mit der Familie in einem winzigen Zimmer untergebracht, wo sie sich das Bett mit der Mutter teilte. Nach einer Weile konnte sie, die bereits eine Lehre zur Apothekenhelferin absolviert hatte, in einer Düsseldorfer Apotheke arbeiten und ein wenig Geld verdienen. „Zu Anfang besaßen wir nichts in diesem Wirtschaftswunderland, wo uns alle so reich vorkamen“, sagt sie. „Wir hatten noch nicht mal einen Koffer mit über die Grenze genommen, keine Zahnbürste dabei, geschweige denn ein Buch.“ Das orientalische Märchenbuch sollte etwas zum Trösten sein.

 Alles in allem kam sie mit ihrer Tüchtigkeit dann doch gut voran, nahm, um aus dem ihr viel zu katholischen Rheinland wegzukommen, eine Apothekenstelle in Hameln an. Sie bewarb sich dann in der „Schloss-Apotheke“ von Varenholz, nicht ohne zuvor in der Dorfkneipe nachzufragen, ob das wohl auch gute Leute seien. „Ja“, hieß es, und wenn der alte Apotheker Stromeyer erst auch etwas brummig war und das Mädchen viel zu jung fand, sagten die anderen doch: „Alt wird sie schon von allein.“ Und so wurden die Stromeyers nicht nur ihre Arbeitgeber, sondern fast so etwas wie eine Familie. „Ich fand es auch nie langweilig auf dem Dorfe“, meint sie, die vor ihrer Heirat noch das „Fräulein Schliephake“ war. „Damals war noch richtig was los, und auch der Kino-Bus kam immer vorbei.“

 Gelesen hatte sie immer viel, das Vorlesen aber kam erst viel später zustande, als sie nämlich während eines Kuraufenthaltes ständig nach dem Buch, in dem sie schmökerte, gefragt wurde, so lange, bis sie einfach sagte: „Ich lese jetzt laut, dann wisst ihr ja Bescheid.“ So fand sich die erste Leserunde zusammen, der unzählige andere folgten, als sich mit Paul Egon Mense und einigen anderen Literaturbegeisterten die „Lesefreunde“ gründeten. Das ist eine Gruppe, die jahrelang unterhaltsame öffentliche Leseabende veranstaltete, darunter „Haarige Geschichten“ im Friseursalon von Thomas Fricke und „Wesersagen“ am Schiffsanleger.

 Außer den Vorschulkindern sind es auch ganz alte Menschen, denen Frevert vorliest, im Seniorenheim an der Landgrafenstraße zum Beispiel, wo es immer um Geschichten geht, mit denen die alten Leute eigene Erinnerungen verbinden. Eg Witts Buch „Glutofen“ über die Rintelner Glashütte kommt sehr gut an, aber auch Märchen – und dazu eine eigene kleine Geschichte, die nur aus bekannten Redewendungen besteht, über die man lustig plaudern kann. All das macht Helga Frevert ehrenamtlich. „Ist ja auch für mich sehr schön, statt zu Hause vorm Fernseher zu Hause zu sitzen“, meint sie. Ihre Privatlektüre im Moment: ein Buch über Schottland. Das nun soll ihr Flügel geben, für eine lang erwünschte Reise in den Norden Großbritanniens. cok

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