Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Rinteln Stadt Zehn Zeugen und ein Vergleich
Schaumburg Rinteln Rinteln Stadt Zehn Zeugen und ein Vergleich
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 18.12.2017
Quelle: dpa
Anzeige
Rinteln

Schwierig nur, wenn bei dem einen nichts zu holen ist, der andere es aber dringend braucht. Meist läuft es dann auf eine Abwägung der Prozessrisiken hinaus, frei nach dem Motto „Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“. In dieser Situation befanden sich die Anwälte Thorsten Kretzer aus Rinteln und Markus Thiede aus Twistringen mit ihren Mandanten vor Zivilrichter Matthias Dick am Amtsgericht Rinteln.

 Es ging um den Vorfall beim Rintelner Oktoberfest im vorigen Jahr, bei dem einem Besucher ein Zahn ausgeschlagen worden ist. Strittig blieb, ob durch einen Sturz auf eine Bank (wie die eine Partei behauptet) oder durch einen Schlag mit einem Bierkrug (wie das Opfer sagt). Und: Wurde er gestoßen oder ist er gefallen? Unstrittig ist eigentlich nur: Der Mann hat sich verletzt.

 Zehn Zeugen, meist Familienmitglieder der Beteiligten, warteten im Flur des Amtsgerichts darauf, ihre Aussagen machen zu können. Richter Dick stimmte sie erst einmal ein: Vergessen sei erlaubt, lügen nicht, weil strafbewehrt. Doch aussagen musste am Ende niemand. Denn Dick schlug beiden Anwälten vor, als alle Zeugen wieder aus dem Saal gegangen waren, doch zuerst einmal über einen möglichen Vergleich zu verhandeln.

Nichts zu holen

 Das dauerte. Rund 40 Minuten, denn das gestaltete sich schwierig. Es wurde ein Lehrstück über juristischen Schlagabtausch. Kretzer machte deutlich, dass bei einer Verurteilung auf die Gegenseite eine Lawine losrollen könne, nämlich Kosten für Zahnarztbehandlung, Schmerzensgeld, Gerichtskosten und möglicherweise das Honorar für einen Gutachter, den man bräuchte, um festzustellen, ob der Zahn durch den Sturz auf die Bank oder einen Schlag mit dem Bierkrug seinen angestammten Platz im Kiefer seines Mandanten verloren habe. Was sich unter dem Strich zusammen auf 10.000 Euro summieren könnte.

 Thiede wiegelt für seinen Mandanten sofort ab, bei dem sei nichts zu holen. Eine solche Summe schon gar nicht. Kretzer erinnerte, Prozesskosten und Schmerzensgeld seien insolvenzfest, erkundigte sich, ob der Mann eine Vermögensauskunft abgegeben habe (hat er nicht). Kretzer forderte für seinen Mandanten 4000 Euro, Thiede bot die Hälfte. Kretzer hielt entgegen, allein die Zahnarztkosten lägen über diesem Angebot. Thiede bot an, dafür würde sein Mandant diesen Betrag nicht abstottern, sondern bis Anfang Januar komplett zahlen, sich das Geld leihen. Beide Anwälte versicherten für ihre Mandanten, ihr jeweiliges Angebot liege an der Schmerzgrenze. Dann gingen alle erst einmal vor die Tür. Danach verkündete Dick den Vergleich: 2000 Euro bis Anfang Januar.

 Zu einem Strafprozess vorher war es nicht gekommen, weil die Staatsanwaltschaft sich geweigert hatte, Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung zu erheben. Kretzer kämpfte sich hier bis zur Generalstaatsanwaltschaft in Celle vor, schrieb sogar das niedersächsische Justizministerium an. Doch die Damen und Herren in den schwarzen Roben, die Anklagevertreter blieben einer Meinung: keine Anklage. Vielleicht durch Erfahrung aus vergleichbaren Fällen oder aus eigener Anschauung, dass es praktisch unmöglich ist, einen solchen Vorfall in einer bierseligen Runde unter alkoholisierten Beteiligten aufzuklären. wm

Anzeige