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Als sich zwei Klassen fast halbierten

Tuberkulose in Lauenau Als sich zwei Klassen fast halbierten

Ende der sechziger Jahre geriet die Albert-Schweitzer-Schule unfreiwillig in die Schlagzeilen. Etliche Zehntklässler erkrankten an Tuberkulose. „Die Schüler verschwanden tröpfchenweise“, erinnert sich der damalige Lehrer Rudolf Krewer.

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Schauplatz aufregender Wochen: An der Lauenauer Albert-Schweitzer-Schule grassierte Ende der sechziger Jahre die Lungenkrankheit Tuberkulose.

Quelle: nah

Lauenau. Warum die Heranwachsenden von der tückischen Epidemie betroffen waren, ist bis heute nicht hundertprozentig geklärt. Angeblich soll ein erkrankter Erwachsener im täglich verkehrenden Schulbus gesessen haben.

Einige Jugendliche aus Schmarrie erwischte es besonders schlimm. Der heute im Raum Barsinghausen lebende Herbert Grande denkt noch mit Schaudern an jene Zeit: „Ich war der Erste, bei dem die Krankheit überhaupt entdeckt wurde.“ Wochenlang hatte ihn ein Husten gequält, den der Hausarzt als Bronchitis ansah. Die Mutter schließlich drängte den Mediziner, den Jungen röntgen zu lassen. Danach wurde ihm der Schulbesuch verboten, bis er in eine Heilstätte nach Goslar kam. Der Aufenthalt wurde zur Qual. Im ersten Vierteljahr musste er das Bett hüten. „Die erste Woche habe ich nur geweint“, so Grande.

Nicht nur ein Schuljahr ging verloren

Später aber fand er Gefallen als einer der wenigen Minderjährigen unter Erwachsenen. „Hier habe ich Skat und Doppelkopf gelernt“, erinnert er sich. Auch in anderer Hinsicht lobt er die „eigentlich nützliche Zeit“, denn er sei als Jugendlicher rasch selbstständiger geworden. Allerdings ging ihm nicht nur ein Schuljahr verloren. Einen Wunschberuf im Handwerk durfte er nicht ergreifen. Die Alternative als Industriekaufmann aber hat er nicht bereut. Die Schrecksekunde kam sieben Jahre später, als bei einer der regelmäßigen Kontrolluntersuchungen erneut ein Schatten auf der Lunge diagnostiziert wurde.

„Diese Krankheit hat mein Leben versaut“, bilanziert die ebenfalls aus Schmarrie stammende Elke Rebmann dagegen bitter. Als die Tbc-Fälle auftraten, war sie ein Jahr in der Lehre als Apothekenhelferin und wollte Pharmazeutisch-technische Assistentin werden. Dauerhusten und ständiger Gewichtsverlust erschien den Eltern immer merkwürdiger. Nach einer Röntgenuntersuchung zwei Tage vor ihrem 17. Geburtstag wurde sie in eine Heilstätte in Bad Rehburg eingewiesen, wo sie neun Monate bleiben musste. Die Zeit mit rüden Schwestern, schmerzhaften Spritzen und Alkoholikern in der direkten Nachbarschaft ist ihr so schrecklich in Erinnerung geblieben, dass sie bis heute einen Bogen um den Ort und die im Volksmund so bezeichnete „Mottenburg“ macht.

Eine Tagesreise für einen Krankenbesuch

Respekt zollt sie ihren bereits damals nicht motorisierten Eltern, die zumindest zweimal in der Woche die Tochter besuchen wollten. Mit Bus und Bahn sei es für die Mutter vom Sünteltal nach Bad Rehburg eine Tagesreise gewesen. Manchmal fanden sich Freunde im Dorf, die sie im Auto mitnahmen. Was Rebmann aber bis heute wurmt: Der Traumberuf blieb ihr verwehrt.

Rudolf Krewer und seine Frau Gisela erlebten jene Monate als Lehrer der beiden „Zehnten“ besonders intensiv. Die Klassen mussten vorübergehend sogar zusammengeführt werden, weil sie sich wegen der aufgetretenen Krankheitsfälle geradezu halbiert hatten. Rudolf Krewer fuhr mehrfach nach Bad Rehburg, wo sich zeitweise etwa 20 Lauenauer Schüler aufhielten und unterrichtete sie sogar.

"Der Schulrat war mir wohlgesonnen"

Doch das verschonte ihn vor nachhaltigem Ärger nicht. Bald nach Auftreten der ersten Tuberkulose-Fälle hatte er einen Brief an das Sozialministerium geschrieben und auf die allmählich beklemmende Situation aufmerksam gemacht. Schulleitung, Schulrat und sogar der ärztliche Leiter des Kreisgesundheitsamtes nahmen ihm die Missachtung des Dienstwegs gründlich übel. Der Amtsarzt soll den Schulrat sogar aufgefordert haben, den aufmüpfigen Mann aus dem Dienst zu entfernen. „Doch der Schulrat war mir wohl gesonnen und hat mich geschützt. Sonst hätte ich wohl ein Disziplinarverfahren bekommen“, sagt Rudolf Krewer rückblickend.

Die aufregenden Wochen an der Lauenauer Schule gipfelten in der großen Reportage eines Boulevard-Blatts und in einer Röntgenuntersuchung aller Schüler und Lehrer. Der Aufwand, so Krewer, sei groß gewesen – mit zumindest einer positiven Auswirkung: Zwei Tage schulfrei. nah

Krankheit grassiert noch immer

Noch immer leiden Millionen Menschen weltweit an der Infektionskrankheit Tuberkulose, die unbehandelt binnen weniger Jahre zum Tod führen kann. Die Erreger-Bakterien wurden 1882 von Robert Koch entdeckt. Die Krankheit äußert sich durch Husten, Gewichtsverlust und Müdigkeit. Tuberkulose ist besonders unter Menschen verbreitet, deren Abwehrkräfte geschwächt sind durch Unterernährung, mangelnde Hygiene, katastrophale Wohnverhältnisse oder auch durch den AIDS-Erreger HIV. Besonders betroffen ist die Bevölkerung in Afrika und Teilen Asiens. Während nur für die alte Bundesrepublik in den sechziger Jahren noch 70000 Neuerkrankungen pro Jahr gemeldet wurden, sind es heute deutschlandweit nur noch etwa 4000. nah

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