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St. Lukas vor der „Wurmkur“

Alle Fakten zur Schädlingsbekämpfung St. Lukas vor der „Wurmkur“

Dem Flecken Lauenau steht eine spannende Woche bevor: Von Montag, 25. Januar, bis voraussichtlich Sonntag, 31. Januar, wird die St.-Lukas-Kirche abgeriegelt und mit einem giftigen Gas gefüllt, um den Holzwurmbefall des Gotteshauses zu beenden.

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Im Dezember bekämpfte Römer-Biotec erfolgreich Schädlinge im Dom zu Riga (Lettland). In der Bildmitte ist der Arbeitsbereich zu sehen.pr.

Quelle: pr.

Lauenau (gus). Die SN informieren über das Verfahren, das Gefährdungspotenzial und weitere Einzelheiten zu dem Vorhaben. Welches

Gas kommt zum Einsatz?

 Nach Angaben Michael Römers, Geschäftsführer des Unternehmens Römer-Biotec, in Wilhelmshaven, wird die Kirche mit Sulfuryldifluorid begast. Dabei handelt es sich um eines von fünf möglichen Gasen, die zum Einsatz kommen könnten. Die anderen sind Cyanwasserstoff (Blausäure), Phosphorwasserstoff, Stickstoff und Kohlendioxid (CO2). Für das Verfahren in Lauenau eignet sich die Schwefelverbindung am besten, weil sie mit einer Konzentration von einem bis drei Volumenprozent in der Luft alle Schädlinge abtöten kann. Die Kosten betragen laut Kirchengemeinde 60000 Euro. Die Begasung dauert zwar mehrere Tage, ist aber noch immer schneller und günstiger als beispielsweise der Einsatz von Stickstoff und CO2. Beide Gase benötigten etwa sechs Wochen für dasselbe Ergebnis.

Warum Gas?

 Es gäbe auch die Möglichkeit, das Holz mit Chemikalien zu imprägnieren, doch dies zöge Schäden nach sich – für eine Kirche ungeeignet. Beim thermischen Verfahren müsste die Kirche bis zu vier Stunden lang auf 55 Grad erwärmt werden, um alle Holzwürmer „gar zu kochen“, wie es Römer formuliert. Dies würde aber dazu führen, dass sich das Holz verzieht. Bei der klimagesteuerten Wärmeanwendung käme Wasserdampf zum Einsatz, doch die Folge wäre ein sicherer Pilzbefall, sodass der Nutzen weit geringer wäre als der Schaden.

Wie gehen die Schädlingsbekämpfer vor?

 Am Montag rückt ein Trupp an, der die Kirche von innen abdichtet. Gas kann dann nur noch in geringen Dosen aus dem Gebäude gelangen. Denn es durchdringt wohl auch die Mauern, doch was dann vom Sulfuryldifluorid noch austritt verflüchtigt sich Römer zufolge blitzschnell.

 Dennoch sperrt das Unternehmen das gesamte Kirchengrundstück mit Flatterband – möglicherweise in Teilen auch per Bauzaun – ab, um einen Sicherheitsring zu schaffen. Dessen Betreten ist bis zum Ende der Arbeiten untersagt, Mitarbeiter von Römer-Biotec überwachen dies. Die Pastorenfamilie Meimbresse muss auch das Pfarrhaus räumen, da eine bauliche Verbindung besteht: Unterirdisch könnte Gas über die Heizungsanlage ins Wohnhaus gelangen. „Wir versuchen, im Vorfeld, alles auszuschließen, was auszuschließen ist“, betont Michael Römer.

 Am Donnerstag soll die Einleitung des Gases beginnen. Dieses wird erst an diesem Tag angeliefert. Über Schläuche gelangt das Sulfuryldifluorid in die Kirche. Sobald der Zielwert der Konzentration erreicht ist, stoppen die Arbeiter die Zufuhr. Der Hahn wird erst wieder aufgedreht, wenn die Konzentration sinkt.

Wann sind alle Würmer tot?

 Erfahrungswerte zeigen den Experten, wie lange und mit welcher Intensität sie die Insekten begasen müssen, um sie mit Sicherheit zu töten. Deshalb wird ständig gemessen, wie hoch die Gaskonzentration ist. Aus diesen Werten und der Dauer lässt sich errechnen, wann Schluss ist.

 Außerdem werden zwischenzeitlich Hausbocklarven in der Kirche ausgelegt und nach einiger Zeit wieder entnommen. Der Hausbock gilt nach Worten Römers als widerstandsfähigster Holzschädling. Im Labor lässt sich feststellen, ob die Insekten am Gas gestorben sind. Klingt martialisch, ist aber nötig: „Holzwürmer kann man nicht totsingen“, sagt Michael Römer.

 Und schließlich solle der Verfall des Kircheninventars gestoppt werden. Sobald die Fachleute sicher sind, dass sie alle Holzwürmer getötet haben, wird die Kirche mit großen Ventilatoren gelüftet. „Das ist der einzige kritische Moment“, betont Römer. Dann tragen alle Mitarbeiter auf dem Areal Gasmasken. Sonst muss dies nur derjenige tun, der den Gashahn bedient – und auch dies nur zur Vorsicht.

Wie lange dauert die Gaseinleitung?

 Von Donnerstag bis mindestens Sonnabend, 30. Januar, werden die Schädlinge dem Gas ausgesetzt. Je nachdem, wie konstant die Konzentration gehalten werden kann, könnte der Einsatz auch bis Sonntag dauern. „Nötigenfalls auch bis Montag“, so Römer.

 Denn die Experten müssen sicher gehen, dass alle Würmer tot sind. Starker Wind kann dazu führen, dass sich das Verfahren in die Länge zieht. Am Tag nach der Lüftung ist das Pfarrhaus wieder bezugsbereit. Dem Gottesdienst am Sonntag, 7. Februar, in der Kirche steht ohnehin nichts im Wege.

Wie sicher ist das Verfahren?

 Michael Römer hat keinen Zweifel, dass der Einsatz seiner Mitarbeiter eher unspektakulär verläuft und niemand – erst Recht kein Einwohner des Fleckens – zu Schaden kommt. In der Kirche sei die Konzentration des Gases zwar definitiv tödlich. Doch die Türen werden verriegelt, hinzu kommen die genannten weiteren Sicherheitsmaßnahmen.

 Trotzdem sind das Gesundheitsamt, die Polizei und die Feuerwehr informiert worden. Im Falle eines Unglücks müssten die Rettungskräfte wissen, was in Lauenau vorgeht. Und Römer weiß, dass nicht alle Eventualitäten auszuschließen sind. „Es könnte ja auch ein Flugzeug auf die Kirche stürzen“, sagt der Wilhelmshavener nicht ganz im Ernst.

Den Dom zu Riga „entlaust“

Das Unternehmen Römer-Biotec hat seinen Sitz in Wilhelmshaven und arbeitet nicht nur bundesweit sondern auch im Ausland in den Bereichen Schädlingsbekämpfung, Gebäudeschutz und Holzschutz. Gegründet wurde es im Jahr 1907, es befindet sich in dritter Generation in der Hand der Familie Römer. Mit großen Gebäuden hat der mehrfach zertifizierte Betrieb jede Menge Erfahrung – auch mit Kirchen, die deutlich größer sind als das Lauenauer Gotteshaus. Erst vor Kurzem „entlauste“ Römer-Biotec den bis zu 90 Meter hohen Dom zu Riga in Lettland.

Einsatz fast nur gegen Schädlinge

Drei Fragen an Professor Dr. Tobias Ritter, Direktor des Max-Planck- Instituts für Kohlenforschung in Mühlheim an der Ruhr

Wie wirkt Sulfuryldifluorid auf lebende Organismen?
Der Mechanismus ist kompliziert. Der Stoff wirkt auf mehrere Bereiche im Organismus. Es gilt jedoch als erwiesen, dass der Stoff beziehungsweise seine Abbauprodukte mehrere Enzyme hemmen und auch auf die Atmungsorgane wirken.
In welchen Bereichen wird das Gas sonst verwendet?
Das Gas hat sonst keine weitreichende Anwendung und wird generell nur in der Schädlingsbekämpfung angewendet.

Wie oft haben beispielsweise Chemiestudenten mit dem Stoff zu tun?
Es gibt keinen offensichtlichen Grund, warum Chemiestudenten mit dem Stoff zu tun haben sollten. Ich habe ihn in meiner Laufbahn noch nie benutzt und kenne auch keinen Wissenschaftler oder Studenten von denen ich wüsste, dass sie es benutzt hätten.

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