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Vom Sofa ins Gefecht

Schauplatz martialischer Szenen Vom Sofa ins Gefecht

Das ehemalige Warnamt III am Deister ist in den vergangenen Wochen ins Gerede gekommen. Es ist ein Relikt des Kalten Kriegs – und jetzt treibt eine Gruppe dort eine Art Kriegsspiel. Die Verantwortlichen sagen, sie wollen Computerspiele ins reale Leben übertragen.

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Einer der Gefechtsstände ist fast direkt am Wanderweg zum Gasthaus Teufelsbrücke gelegen.

Quelle: gus

RODENBERG. Passanten, die an der früheren Melde- und Bunkeranlage vorbeikommen, bietet sich ein seltsames Bild: „Gefechtsstände“ sind mit Tarnnetzen behangen, „Soldaten“ patrouillieren in militärischem Outfit, das Eingangstor ist verbogen, ab und zu stehen „Wachtposten“ dort. Doch nicht alles ist martialisch: Auch Ziegen laufen über das Gelände, Frauen mit Kindern sind dort bisweilen ebenso zu sehen. Und ein Golf-Caddy ist abseits meist mehrerer Autos mit ortsfremden Kennzeichen geparkt.

Die Unternehmergesellschaft (UG) Battlefield for Friends hat das Warnamt zum Austragungsort militärischer Spiele gemacht. Auf Anfrage dieser Zeitung erklärte Andreas Kauert, einer der Betreiber der UG, es gehe darum, Computerfreaks herunter vom Sofa zu holen und Spiele wie Battlefield und Call of Duty in einen echten körperlichen Kontext zu bringen. Wildes Herumballern sei nicht gefragt. Taktik spiele hingegen eine große Rolle. Ärger mit Passanten habe es bislang nicht gegeben. Battlefield for Friends wolle auch niemanden verängstigen oder belästigen.

Das Haupttor ist seit einiger Zeit verbogen.

Quelle:

Vor allem müssten die Teilnehmer körperliche Anstrengungen vollbringen, anstatt nur ein paar Knöpfe an der Spielekonsole zu drücken. Kriegsverherrlichung werde keineswegs betrieben. Bis zu 20 Kilometer legten die Mitspieler am Tag zurück und seien abends reichlich geschafft. „Dann sehen die viele Dinge plötzlich ganz anders“, sagt Kauert. Wer von einem „Schuss“ getroffen werde, spüre dies auch durch einen elektrischen Impuls.
Ein gewisser Hang zum Martialischen ist dabei aber nicht zu übersehen. Die beiden „Missionen“, an denen Interessierte teilnehmen können, tragen die Namen „The Beginning“ und „Operation Rainbow“. Die Anbieter werben damit, dass sie ein 27 000 Quadratmeter großes Grundstück zur Verfügung haben und bezeichnen ihr Angebot als einzigartig.

Die Facebook-Seite von Battlefield for Friends gefällt fast 18 000 Usern. Auf den dortigen Fotos posieren Gruppen mit Waffen, die echtem Tötungswerkzeug täuschend ähnlich sehen. Als neueste Errungenschaft wird eine Art Panzerfaust angepriesen, die „gegen größere Fahrzeuge eingesetzt“ werden soll.

Polizei sieht keine Gefahr

So befremdlich all dies auf Beobachter wirken mag, so gelassen bleibt die hiesige Polizei. Es handelt sich nach Einschätzung von Michael Panitz, Kommissariatsleiter in Bad Nenndorf, um reine Kriegsspiele, ähnlich früheren Trends wie „Gotcha“ und „Paintball“. Die Polizei habe die Sache im Blick, sehe aber keine widerrechtlichen Vorgänge, solange sich die Dinge ausschließlich auf dem umzäunten Gelände abspielen. Einen politisch radikalen Hintergrund wittere auch der Staatsschutz nicht.

Dennoch verfolgen manche Rodenberger die Entwicklung mit Sorge. „Wenn sich hier erst einmal so eine Gruppe eingenistet hat, werden wir die so schnell nicht mehr los“, meint ein Beobachter. Als bedrohlich beschreibt eine Mutter das Szenario, das sich ihr beim Spaziergang geboten habe. Andere messen dem Ganzen wenig Bedeutung bei, halten das Treiben aber zumindest für wenig sympathisch.
Battlefield for Friends ist Mieter auf dem Grundstück. Dieses hat 2016 den Besitzer gewechselt. Der bis dahin dort ansässige Unternehmer verkaufte das Areal für einen mittleren sechsstelligen Betrag an einen Mann aus dem Weserbergland, der es nun an Battlefield for Friends vermietet. gus

Auf dem Gelände treiben Unbekannte Kriegsspiele (Symbolbild).

Quelle:

Einst Stätte des Schutzes

Das Warnamt bei Rodenberg war Ende der fünfziger Jahre in Betrieb genommen worden. Es handelte sich um eines von 13 Warnämtern der Bundesrepublik Deutschland. Im Kalten Krieg sollten diese Einrichtungen des Zivilschutzes im Falle militärischer Gefahren Warnungen an die Bevölkerung und an öffentliche Stellen geben. Wer wollte, konnte dort Wehrersatzdienst leisten. Anders als beim Wehrdienst, wo Rekruten mehrere Monate lang einrücken mussten, verpflichteten sich die jungen Männer an den Warnämtern für bis zu zehn Jahre und verrichteten in regelmäßigen Abständen tageweise ihren Dienst. In den neunziger Jahren wurden die Warnämter aufgelöst. Das Warnamt III verfügt außer ehemaligen Aufenthalts- und Diensträumen auch über eine Bunkeranlage. gus

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