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Abrissbagger legt Gasthaus Haberlah flach

Gedenkbier auf die Tradition Abrissbagger legt Gasthaus Haberlah flach

105 Jahre lang befand sich ein Gasthaus mit der Adresse Lange Straße 55 – früher Bohnenkamp 76 – im Besitz der Familie Haberlah. Nun wird der rote, ortsbildprägende Backsteinbau abgerissen.

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Der Dachstuhl des Anbaues fällt: Joachim Schaer steuert den Bagger für den Abriss.

Quelle: jpw

Hagenburg . Der Großvater der letzten Besitzerin Anne Jahn, Heinrich Haberlah, einst Bierkutscher der Niederlassung einer Brauerei aus Stadthagen in Steinhude, kaufte 1910 die Gastwirtschaft samt Bäckerei von Heinrich Bothe, der seinerseits den Ratskeller erwarb.
„Es entwickelte sich ein reges Vereinsleben“, notierte Heinrich Wulf in seiner Chronik der Hagenburger Häuser über den neuen Betrieb. Viele Vereine, der TC Hagenburg, aus dem nach dem Zweiten Weltkrieg unter anderem der heutige TSV hervorging, und auch die Schützengesellschaft, der Geflügelzuchtverein, der Bergmannsverein und weitere Klubs nahmen Haberlah als ihr Vereinslokal.
Doch in der Zeit, als eine gestiftete Brandserie Hagenburg den Beinamen „Brandenburg“ einbrachte, brannten in der Silvesternacht 1927/1928 auch die Gaststätte einschließlich Bäckerei, Scheune und Stallungen vollständig ab. Mit Körben bargen die Nachbarn in aller Eile die Wertsachen – später wurde ein Neugeborenes vermisst. Auch das Babykörbchen war als Rettungskorb gebraucht worden, das – bis heute – quicklebendige Kind unter Bettwäsche gefunden.
Heinrich Haberlah ließ nach dem Brand an gleicher Stelle den Neubau errichten, der Bäckermeister Heinrich Schrader verlegte sein Geschäft in die neu errichtete Siedlung am Wald.
Sohn Wilhelm Haberlah mit seiner Frau Marie übernahmen später die Gastwirtschaft. Im Saal lernten Generationen von Hagenburger Kinder das Turnen, in Kriegsnotzeiten ließ die Schaumburg-Lippische Staatsregierung per Dekret Getreide einlagern; ältere Hagenburger erinnern sich noch gerne an die Zeit des „Eier-Kinos“, als für Kinovorführungen statt des knappen Bargeldes auch drei rohe Eier als Eintrittsgeld reichten.
Nach diversem Bällem, Versammlungen, Familienfeiern, Beerdigungskaffees, Sitzungen, Vorträgen und Stammtischen war Haberlah zu einem Ortsmittelpunkt gewachsen. Insbesondere „Mariechen“ Haberlah, Mutter von Anne Jahn, reifte zur Legende: „Mine leewe beste Jung (oder Deern), all inneschonken“, nicht nur diese nette und tröstende Formel ist vielen Gästen noch im Kopf. Der Saal mit Bühne, in dem noch ohne Mikrophon gesprochen und Musik gemacht werden konnte, wurde zum Treffpunkt für Generationen.
Tochter Anne führte die Gastwirtschaft nach dem Tod der Mutter im Oktober 2001 noch zehn Jahre weiter, nahm dann aber die Gelegenheit wahr, aus dem in die Jahre gekommenen Gebäude an der Langen Straße in die Gastwirtschaft im TSV-Clubheim an der Steinhuder-Meer-Straße zu wechseln. Am Silvestertag 2011 schloss Haberlah mit einer letzten Fete. Seither konnte dort zwar noch gefeiert werden, aber nur stundenweise und nur vermietet. Das Haus stand als Immobilie im Internet, wohl auch, weil sich die Gewohnheiten verändert haben. Ein neuer Käufer, der dem Bau eine weitere Karriere als Gastwirtschaft bescherte, fand sich nicht.
„Wie gut, dass Anne das nicht sehen muss“, heißt es nun in den Kommentaren dazu auf Facebook. Anne Jahn weilt derzeit fern von Hagenburg in Kur. Auch einige andere Hagenburger wollen beim Abriss nicht so richtig hinschauen. Andere halten auf der Straße inne und sehen zu, wie in den nächsten zweieinhalb Wochen der große, rote Backsteinbau samt Schuppen und Anbauten dem Erdboden gleichgemacht wird.
Und es ist ausgerechnet der amtierende Schützenkönig der Schützengesellschaft Hagenburg-Altenhagen, Joachim Schaer, der den Bagger bedient und damit das langjährige Vereinslokal der Schützengesellschaft abreißt. „Schon komisch“, sinniert er. „Ich bin vor 43 Jahren, mit sieben Jahren, dort zum Spielmannszug hingegangen, habe das Trommeln gelernt.“ Viele schöne Erlebnisse habe es bei Haberlah gegeben, sagt er und sein Bruder Michael nickt zustimmend.
Doch die beiden Abriss-Unternehmer halten sich nicht lange mit dem weinenden Auge auf: „Es ist wie ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl, dass Anne einen Käufer für das Gebäude gefunden hat.“ Höchste Zeit sei es, dass an der Langen Straße etwas passiere: „Die war doch tot.“ In Gedanken zählt Joachim Schaer die ihm bekannten Bauvorhaben an Hagenburgs Durchgangstraße auf, kommt auf vier. Bildet der Abriss Haberlahs so etwas wie den Startschuss für ein neues Gesicht für den Ortskern, für Lange Straße 2.0?
 Das hofft zumindest der Bauherr für den Neubau an Haberlahs Stelle: Stephan Cremer, Hagenburger, der einst als Abiturient auszog, um Medizin zu studieren und nun als promovierter, leitender Oberarzt aus Berlin mit einer Menge Klinikerfahrung in seine Heimat zurückkehrt. Cremer bezeichnet sich mit Blick auf die Lange Straße, an der er sein Praxis- und Wohnhaus errichten wird, als „visionär“.
 Und so haben viele Hagenburger in diesen Tagen zwar eine Träne im einen Auge, freuen sich aber andererseits über eine lange erhoffte Ortsentwicklung: „Das Leben ist Veränderung“, kommentierte Heiko Bothe, einst stellvertretender Vorsitzender der Schützengesellschaft und Ratsherr der Gemeinde, „aber trotzdem werde ich heute ein bisschen traurig und dankbar sein für die schönen Stunden, die ich in diesem Hause verleben durfte“. Ganz pragmatisch schließt er: „Ich werde ein schönes Bier mit einer noch schöneren Blume in Gedenken mir heute zum Feierabend einschenken und genießen.“

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