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Herr der Zeit

Turmuhr im Rathaus Herr der Zeit

Uwe Buchmeier kümmert sich seit 17 Jahren um die Turmuhr im Rathaus in Sachsenhagen. Natürlich soll sie zur richtigen Zeit schlagen. Damit das stets klappt, kommt er regelmäßig ins Rathaus und stellt die Uhr. Natürlich soll die Turmuhr auch pünktlich in der Silvesternacht zu hören sein.

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SACHSENHAGEN. . Unzählige Zahnräder bilden das Getriebe. Mitten drin sind auf zwei Wellen Drahtseile gewickelt, die nach oben durch die Decke in den Dachboden entschwinden und dort von schweren eisernen Gewichten gespannt werden: das Kraftwerk des 88 Jahre alten Zeitmessers. Die Turmuhr ist im Sachsenhäger Rathaus installiert. Damit die Uhr zur richtigen Zeit schlägt, schaut Uwe Buchmeier alle 14 Tage vorbei und stellt das Werk.

So oft der Sachsenhäger am Rathaus vorbeifährt, geht sein Blick nach oben zum Ziffernblatt am Fachwerkgiebel: Geht die Uhr vor oder nach? Und bei Bedarf, etwa alle zwei Wochen, steigt der 63-Jährige in den ersten Stock des über 400 Jahre alten Rathauses. Vor den Fenstern im südlichen Giebel steht hinter einer Glaswand (mit eingelassener Tür) das Uhrwerk. Hier kann das Prachtstück jedermann betrachten, das von der Firma Johann Friedrich Weule aus Bockenem im Harz gefertigt wurde und das der Uhrmachermeister Karl Daecke 1929 im Rathaus eingebaut hat – ein Stockwerk höher als am heutigen Standort. Im Dachstuhl war das Uhrwerk dem Schmutz und wechselnden Temperaturen ausgesetzt.

Und als in der Silvesternacht 1999 auf dem Marktplatz die mitternächtlichen Schläge zur Jahrtausendwende von der Turmuhr erschallen sollten, blieb diese stumm. Die Uhrzeiger bewegten sich nicht, und auch das Schlagwerk funktionierte nicht, ausgerechnet zu Beginn des Jahres, in dem Sachsenhagen die vor 350 Jahren verliehenen Stadtrechte feiern wollte. Die Stadt beschloss, die Turmuhr wieder instand zu setzen und die Uhr außerdem in die erste Etage des Rathauses umzusetzen.

Darum kümmerte sich mit viel Idealismus und handwerklichem Geschick der inzwischen verstorbene Ernst Geweke zusammen mit Uwe Buchmeier, Elektromeister und Uhren-Fan. Mit Geweke zerlegte der Sachsenhäger das Uhrwerk – ein gewagtes Unterfangen, mag denken, wer auf das detailreiche Gefüge an Rädern und Wellen blickt. Ganz so schlimm sei es allerdings nicht gewesen, so Buchmeier. Viele Teile seien nummeriert und kaputt machen könne man kaum etwas. Die Räder sind aus massivem Messing, der 180 Kilogramm schwere Rahmen aus geschmiedetem Eisen.

Buchmeier kümmert sich auch nach der Restaurierung weiterhin um das mechanische Meisterwerk, dokumentiert jeden Besuch bei der Uhr in einem Büchlein: „25.11.17, Sonnabend 10.15 Uhr, Regen, 6 ˚ C., Uhrzeit eingestellt, Uhr geht 3 Minuten vor, Drehmutter 1/4 Umdrehung zurück. Aufzug geprüft.“

Die erwähnte Drehmutter sitzt ganz unten am Pendel der Uhr, unter der Scheibe, genannt Linse. Mit der Stellschraube kann Buchmeier die gewichtige Linse höher oder tiefer auf dem Pendel platzieren. Die Verschiebungen liegen allerdings im Millimeterbereich. Mit einer Viertelumdrehung zurück begegnet Buchmeier dem Umstand, dass die Uhr in etwa 14 Tagen drei Minuten vor ging. Je länger das Pendel, desto langsamer schwingt es.

Oben am Pendel sitzt ein längliches leicht gebogenes Metallteil mit je einem Zapfen an den Enden: der sogenannte Anker. Durch eine Bewegung ähnlich einer Wippe fassen die Zapfen wechselseitig in ein Zahnrad, und hemmen dieses in seinem Lauf. Durch die Kraft des sich drehenden Ankerrads werden die zwei Zapfen des Ankers andererseits immer wieder aus dem Rad herausgedrückt. Das Rad kann sich ein Stückchen weiter drehen – bis der nächste Ankerzapfen in das Rad greift und wieder herausgedrückt wird. Die wechselnde Berührung der beiden Zapfen mit den Zähnen des Ankerrads ergibt das gleichmäßige Tick-Tack der Uhr.

Bleibt die Frage, warum sich das Ankerrad überhaupt in Bewegung setzt, sich mit Macht drehen will. Es wird über eine Umlenkrolle von der entscheidenden Welle angetrieben. Auf dieser ist das Drahtseil aufgerollt, an dem oben im Dachstuhl über eine Umlenkrolle das Gewicht der Uhr hängt. Dieses zieht gemäß der Schwerkraft nach unten. Und ohne die hemmende Vorrichtung von Anker und Ankerrad würde das Gewicht tatsächlich ungebremst hinabsausen. Die Kraft wäre verpufft und die Uhr könnte nicht funktionieren.

Irgendwann ist das Seil abgespult und muss wieder aufgewickelt, die Gewichte wieder nach oben gezogen werden. Das „Aufziehen“ der Uhr muss Buchmeier allerdings nicht selbst übernehmen. Das erledigt ein Elektromotor.

Den Sachsenhägern verbleibt, ein Glas Sekt bereitzuhalten, wenn ihre Turmuhr mit lauten Schlägen den Jahreswechsel anzeigt. sk

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