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Seeprovinz Steinhuder Meer bald ohne Wasser?
Schaumburg Seeprovinz Seeprovinz Steinhuder Meer bald ohne Wasser?
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00:20 13.09.2018
Mit einer Handbreit Wasser unter dem Kiel wird es für die Ausflugsschiffe so langsam eng. Quelle: jpw
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Steinhude

Auch der Andrang rund um die Strandterrassen lässt langsam nach. „Wir sind satt“, sagt Günter Blume aus Hagenburg, „die Hitze dieses Sommers hat mehr als gereicht.“ Er sitzt bei moderater Wärme mit seiner Frau Elke auf einer Bank und genießt noch die milde Abendsonne.

Einige Meter weiter, am Anleger vor den Strandterrassen, schaut vor der Uferspundwand der blanke Sand aus dem Wasser. Die wenigen Auswandererboote drängen sich etwas weiter vorne am Steg zusammen.

Mit der Handbreit Wasser unter dem Kiel wird es dort langsam eng. Vollbesetzt fahren die Boote nicht mehr raus, trotzdem schrappen sie bereits beim Kursnehmen auf den offenen Flachsee kurz über Grund. Und nur noch erfahrene Seeleute wissen, in welchen Rinnen sie bis zum Wilhemstein schippern können. Vom Eiland aus erkennen die Besucher mit bloßem Auge in Richtung Westenmeer Schlammbänke.

Auch wenn seit Wochen der Hagenburger Kanal und die Uferseite Richtung Großenheidorn von den Auswanderern nicht mehr angefahren werden, der Betrieb zum Touristen-Magnet Wilhelmstein kann im Moment noch aufrecht erhalten werden. Ausflugsboote sind noch auf dem Wasser unterwegs, wenngleich auch jeweils mit weniger Passagieren an Bord. Viele Segler haben ihr Boot bereits aus dem Wasser geholt, um sich Schlammschlachten zu ersparen. Einige Stege sind seit Wochen nicht mehr benutzbar.

Wasserstand sinkt weiter

Nur wenige Tage nach dem Szenario ist der Wasserstand, trotz ein wenig Regens, noch einmal um vier Zentimeter gefallen – mit einem Stand von 37,56 Metern über Normalnull, die gestern vom automatischen Messwertanzeiger am Pegel Wilhelmstein gemessen werden, fehlen bereits 49 Zentimeter Wasser am höchstmöglichen Wasserstand von 38,05 Meter über Normalnull.

Wer von Naturgewalten spricht, erlebt sie hier: Sonne und Wind haben innerhalb von vier Tagen noch einmal mindestens eine Million Tonnen Wasser einfach verdunsten lassen. Und Nachschub ist nicht in Sicht. Die wenigen Gräben, die das Meer ein wenig speisen sollen, sind längst ausgetrocknet, daran hat auch der Regen der vergangenen Tage nichts geändert.

„Wenn es denn mal acht Millimeter regnet, kommt nichts davon im Meer an“, meint August Lustfeld. Der Geschäftsführer des Kreisverbandes für Wasserwirtschaft in Nienburg, betreut das Wehr am Meerbach, aus dem das Wasser normalerweise geregelt aus dem Meer fließen kann. Beim meist winterlichen Höchstwasserstand von 38,05 Metern über NN müsste er laut Betriebsplan das Wehr öffnen, um auf Normalwasserstand von 38,00 Metern zu kommen. Das macht er aber auch genauso wenig, um im Frühjahr ein kleines Polster für die Segler zu haben, wie er jetzt die Mindestablaufmenge von 200 Litern pro Sekunde auf 80 Liter gedrosselt hat, um im Meerbach bis Rehburg kein Fischsterben zu verursachen. Das Wehr am Sportplatz in Rehburg ist geschlossen, deswegen steht das Wasser auch hoch im Meerbach. Der zuständige Angelverein misst dort ständig den Sauerstoffgehalt.

Ein großflächiges Fischsterben hat es nicht gegeben

Und wie geht es der Seefauna? Der Notruf, den der Anglerverband Niedersachsen angesichts der Hitzewelle für die Gewässer zwischen Nordsee und Harz ausgegeben hat, gilt auch für das Steinhuder Meer. Inzwischen ist die größte Hitze vorbei, die Wassertemperaturen sind angesichts kühlerer Nächte auch wieder gesunken. Ein großflächiges Fischsterben, wie noch vor einigen Jahren in einer Gracht in Großenheidorn oder auch im Meerbach, hat es im See nicht gegeben.

Bei den unterirdischen Quellen, die das Steinhuder Meer angeblich speisen, handelt es sich nach Angaben von Lustfeld um zwei Grundwasserströme in Richtung Mardorf und in Richtung Steinhude. An beiden Strömen hängt jeweils ein Wasserwerk.

„Von den Quellen kann nicht so viel kommen, sonst hätten wir nicht so einen Absturz erlebt“, meint Lustfeld. Fast 50 Zentimeter weniger in wenigen Monaten: Selbst bei normalen Regenmengen wird sich der Wasserstand des Steinhuder Meeres bis zum Jahresende nicht wieder komplett erholt haben. „Erleben wir einen trockenen Winter, steuern wir im nächsten Jahr auf historische Tiefststände zu“, weiß Lustfeld zu berichten.

Der Rehburger war gerade sechs Jahre alt, als nach einer heftigen Hitzeperiode 1959 der Spiegel des Sees auf 37,43 Meter über NN sank, noch einmal um knapp 25 Zentimeter tiefer als derzeit. Damals wie heute: eine enorme Hitzewelle, monatelang kaum Regen. Stadt und Landkreis Hannover mussten den Wassernotstand erklären, in den Trockengebieten Ostfrieslands und der Lüneburger Heide waren Trinkwasserwagen unterwegs, deren Fahrer bis zu 40 DM für einen Kubikmeter Trinkwasser forderten.

Bei Normalwasserstand misst der größte Binnensee Niedersachsens keine 32 Quadratkilometer mehr, wie es Auswandererfahrer den Touristen auf ihren Booten immer noch stolz verkünden. „Das war 1975 noch so“, meint Lustfeld, der sich gerade für eine Fachzeitschrift mit dem Verlandungsprozess beschäftigt. „Jetzt sind es ungefähr noch 28 Quadratkilometer. Die derzeitige Trockenheit beschleunigt das Verlanden: „Das Schilf besiedelt jetzt die Schlammbänke per Ausläufer oder Samen“, meint Lustfeld, „und gibt die Flächen auch bei normalem Wasserstand nicht wieder preis.“

Auswirkungen auf Tourismus halten sich in Grenzen

Für den Wassersportler ist es nicht schön“, beurteilt Willi Rehbock, der Geschäftsführer der Steinhuder Meer Tourismus GmbH die touristische Situation. „Für diejenigen, die die Aussicht auf das Wasser genießen wollen, halten sich die Auswirkungen in Grenzen.“ Der Großteil der Angebote könne aufrecht erhalten werden.

Zwar wünscht sich auch Rehbock Regen („immer nachts zwischen 23.30 Uhr und 6.30 Uhr“), doch aus touristischer Sicht ist ihm dieser Sommer immer noch lieber, als der verregnete und kalte des vergangenen Jahres. „Ein Mix aus beidem“, wäre nach seiner Ansicht ideal. „Wir haben die Zahlen noch nicht, aber alle Indikatoren sprechen für einen guten Sommer“, meint der Tourismus-Manager mit Blick auf die vergangenen Monate.

Viel Schlamm und Sand sind von der Promenade aus augenfällig nur vor den Strandterrassen und vor der Bastion am Hagenburger Kanal zu sehen. Weiter laufen als sonst, müssen Badegäste, bevor sie auf der Badeinsel das kühle Nass erreichen. Rund 40 Meter hat sich das Wasser zurückgezogen. Auf dem Streifen bis zur üblichen Sandkante arbeiteten Kinderschaufeln und Hände den harten Boden kreuz und quer durch. Der Schlamm, sonst in diesem Bereich auch zu finden, ist fast weggetrocknet.

Wer schwimmen will, findet kurz vor der Abgrenzung des Nichtschwimmerbereiches noch eine Zone, in der das ohne Bodenberührung möglich ist. So berichtet das ein älteres Ehepaar, das Hand in Hand aus dem Wasser steigt. Weniger Wasser heißt bei ihnen nicht weniger Badelust und das scheint auch für viele andere Sommerbesucher zu gelten.

Und was die Wasserqualität angeht? Die große Tafel mit der latenten Blaualgenwarnung am Eingang der Badeinsel steht in diesem Jahr nicht mehr, was aber nicht auf bessere Qualität schließen lässt. Die jüngste Blaualgen-Warnung speziell für die Badeinsel, aber auch für die Nordseite des Sees, ist einige Tage alt.

von Jan Peter Wiborg

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