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Abwaschen - Geister aus dem Spülwasser

Mein Landleben Abwaschen - Geister aus dem Spülwasser

Mein Geschirrspüler hat sich von mir getrennt. Ohne Vorwarnung ging er kaputt und versetzte mich in die Vergangenheit. Obwohl ich in der besagten Woche alleine zu Hause war und meine paar Tassen entspannt per Hand abspülen konnte, hat es mich verrückt gemacht. 

Hinzu kam ein ganzes Paket von Damals-Gefühlen, das sich öffnete, sobald ich meine Hände in das Spülwasser tunkte.

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Ein Schritt in die Vergangenheit: Spülen per Hand.

Quelle: Anke Weber

Anke Weber. Das Paket enthielt dieses Seufzen aus WG-Zeiten, wenn sich das dreckige Geschirr stapelte und man selbst unverschuldet vor dem Haufen stand. Dem Seufzen folgte der Ekel, angesichts undefinierbarer Essensreste, die an Tellern klebten. Noch schlimmer der Moment, wenn das Wasser die Reste schon gelöst hatte und weiche Pizzastückchen meine Finger umspülten.

Tiefer unten in der Erinnerungs-Lieferung befand sich noch ein langgezogenes Murren. Es stammte aus meiner späten Kindheit. Also der Zeit, als Mutter und Oma nicht mehr befürchteten, ich könne das Geschirr beim Abwaschen zerbrechen und mir diese Aufgabe plötzlich regelmäßig übertrugen.

Damals war es noch nicht erlaubt, das Geschirr zum Trocknen einfach stehen zu lassen. Es musste abgetrocknet und sofort weggeräumt werden. Und ganz zum Schluss, wenn das ablaufende Wasser ein Gluckern im Abfluss verursachte und ich meine Hände trocknete, war dieses schrumpelig-trockene Hautgefühl wieder da. Spülhände!

Unweigerlich spielte sich TV-Reklame von damals in mein Hirn. Irgendwas mit Tilly und Frauen, die wie zufällig ihre Hände in Spülmittel badeten. Was für ein verschrobenes Frauenbild, das die Werbung da in Kindheitstagen in meinen Kopf gepflanzt hatte. Diesen Geistern wollte ich Einhalt gebieten. In meiner Verzweiflung dachte ich darüber nach, den Hund als Tellerwäscher zu akzeptieren. Er hätte die Aufgabe gerne und zuverlässig erledigt. Aber meine Küchen-Hygiene-Verordnung verbot diese Lösung. Also spülte ich selbst.

Wegen der WG-Erfahrung auch immer direkt und nicht erst Tage später. Das wiederum erinnerte mich an meine Oma, die zwar wirklich Minna hieß, deshalb aber noch lange nicht unseren täglichen Abwasch übernahm. Sie hatte die sofortige Erledigung des Abwaschs schon immer gepredigt.

Nach eineinhalb Wochen Geschirrspülen per Hand plus Abwaschgeistern in meinem Kopf empfinde ich nun große Dankbarkeit, wenn ich den neuen Geschirrspüler einräume. Danke, dass ich keine Schrumpelhände bekomme. Danke, dass sich meine Gedanken nicht mit Pflegeformeln von Spülmitteln beschäftigen müssen. Und danke für die zwanzig Minuten Zeitgewinn. 

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.