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Alles muss raus

Mein Landleben Alles muss raus

Ich entrümpele sehr gerne. Das befreit. Hinterher fühlt man sich gut. Vorausgesetzt, man hat die aussortierten Dinge auch gleich entsorgt.

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Quelle: Anke Weber

Das Entsorgen ist nicht so mein Ding. Es ist wie mit dem Laub: Das Harken macht mir Spaß, das Wegkarren der Blätter nervt. In solchen Situationen wünsche ich mir Heinzelmännchen herbei. Meine Tochter hat zum Beispiel mich. Sie räumt ihr Zimmer auf – und alles, was sie nicht mehr haben will, stellt sie auf den Flur. Der Rest ist dann mein Problem.

 Manchmal mache ich es so ähnlich wie meine Tochter. Ich stelle alles in den Schuppen und schließe die Tür. Das ist dann zwar immer noch mein Problem, aber es gibt Dinge, die man getrost auf übermorgen verschieben kann. Ein unhandliches Metallbett hat auf diese Weise schon ein Jahr im Schuppen überlebt. Bis vor einigen Tagen. Ich saß am Schreibtisch, und ein längst vergessener Ausruf schallte durch das geöffnete Fenster. „Eisen!“ Dazu Gebimmel. Dann wieder: „Eisen!“ Und Gebimmel. Willkommen in meiner Kindheit. Den Lastwagen mit Ladekran musste ich gar nicht erst sehen. Ich wusste, wer gleich vor meiner Tür auftauchen würde. Der Schrottsammler. Allerdings rief er immer nur: „Eisen!“ Das war früher noch kreativer. Damals klang es wie ein Refrain: „Lumpen, Eisen, Silber und Papier!“ Bimmelbimmel. In der langen Version, die ich im Internet gefunden habe, heißt es sogar: „Eisen, Lumpen, Knochen und Papier – ausgefallene Zähne sammeln wir.“

 Vor meinem Haus tauchte nun also ein Pritschen-Lastwagen mit Kran auf. Nebenher ging ein Mann. Genau wie früher. Ich war begeistert.

 Allerdings fragte ich mich auch, wie die Schrotthändler mich gefunden hatten – mein Haus steht mitten im Wald und nicht an einer befahrenen Straße. Der Mann klingelte. Zuerst sprang ich auf. Dann erinnerte ich mich, dass diese Lumpensammler früher nicht so beliebt waren. Jedenfalls nicht bei meinen Großeltern. Sollte ich lieber nicht öffnen?

 Doch plötzlich sah ich meine Chance. Besser konnte ich mein altes Bett ja wohl nicht loswerden. Nach Knochen fragten die Männer zum Glück nicht. Auch nicht nach Zähnen. Sie wollten nur Metall und nahmen mein Bett. Endlich wieder Platz im Schuppen. Zeit für eine Entrümpelung. Ich habe sofort begonnen. Und jetzt? Steht ein neuer Haufen im Schuppen. Diesbezüglich unterscheide ich mich sehr von meinen Großeltern. Ich warte nämlich schon sehnsüchtig auf das nächste Gebimmel.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.