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Auf dem Dachboden

Landleben-Kolumne Auf dem Dachboden

In letzter Zeit war ich viel auf dem Dachboden. Meine Tochter zieht aus und konnte noch einige Dinge gebrauchen. Zuerst hat mich dieses ewige Öffnen der Dachluke und das Dasein zwischen verstaubten Gegenständen etwas genervt.

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Einen Tag Vergangenheit – auf dem Dachboden lebt sie plötzlich wieder.

Quelle: Weber

Draußen die Herbstsonne und ich kriechend zwischen Kinderspielzeug, toten Hornissen und Schmetterlingsflügeln. Auf so einem Dachboden entwickelt sich ja schnell eine ganz eigene und abgeschiedene Welt. Dabei hatte ich den Gang in der Mitte erst im Frühjahr gesaugt. Oder war es doch im Herbst gewesen? Jedenfalls war dieses Mal eine Lampe gefragt, die meine Tochter noch gebrauchen konnte und die, soweit ich mich erinnern konnte, in der allerletzten Ecke lag.

Ich schwankte zwischen Ekel und Faszination. An meinen Socken blieben die Hundehaar-Haufen hängen, die ich dort ausgelegt hatte. Ein biologisches Marder-Abwehr-System. Von der Wirkung bin ich nicht ganz überzeugt.

Erst vor einigen Tagen hatte ich wieder dieses Geräusch vernommen, das ich mit dem Marder verbinde. Ich habe ihn zwar noch nie gesehen, aber pünktlich zum Herbstbeginn zieht da oben definitiv ein größeres Tier ein.

Den Spinnen wich ich geschickt aus. Und die toten Hornissen und Schmetterlinge bedauerte ich kurz, bis ich sie ganz vergaß. Weil Willi und Dora vor mir auftauchten und mir aus meinem ersten Lesebuch zuwinkten. Ich las ein bisschen und hatte dabei exakt das Bild meiner ersten Klassenlehrerin vor Augen. Bis ich die Fotos sah. Mein Cousin und ich an der Ostsee – mit seinem hellblauen VW-Käfer. Mein erster Urlaub ohne Eltern. Neben den Fotos die Schallplatten. Pippi Langstrumpf und Kurt Cobain – zwei Unsterbliche Seite an Seite.
Andächtig zog ich ein paar weitere Platten aus der Sammlung und schleppte sie nach unten. Ebenso wie die Fotos und einige dicke Bücher. Natürlich auch die Gitarre. „House of the rising sun“ funktionierte noch. Auch „Smoke on the water“. Jedenfalls der Anfang. Ich krabbelte wieder auf den Boden und holte das Peter-Bursch-Buch, das mir damals zu einigen Liedern verholfen hatte. Schließlich legte ich aber doch lieber die Schallplatten auf. Das mit der Gitarre überließ ich besser Kurt Cobain.

Meine Tochter fand mich zwischen den staubigen Relikten meiner Kindheit und Jugend, bestaunte mich und die Gegenstände und fragte, wo die Lampe sei. Die Lampe – welche Lampe? Fragte ich und erinnerte mich schwach an den ursprünglichen Auftrag. Also, so ein Dachboden ist wirklich eine ganz eigene und abgeschiedene Welt. Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.