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Badespaß für einen Tag

Mein Landleben Badespaß für einen Tag

Überschwemmungen richten Schaden an, und Menschen geraten an die Grenzen ihrer Kräfte. Ich habe mit den Menschen in den Hochwassergebieten mitgefühlt und gebangt. Doch dann, etwas später, hat mir das Hochwasser sein zweites Gesicht gezeigt. Am Rande der schweren Verwüstungen gab es nämlich Ausläufer des Wassers, die ganz neue Möglichkeiten eröffneten.

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Ungewöhnlicher Wasserspaß auf der Wiese.

Quelle: Anke Weber

Zuerst erfreuten sich daran die Störche. Ich zählte 20 auf einer gefluteten Wiese. Das Hochwasser spülte ihnen allerlei Köstlichkeiten in den Schnabel, von denen ich nicht ahnte, welche es waren. Klar war jedoch: Die Störche hatten ihr Paradies gefunden. Zwei Tage später fuhr ich an derselben Stelle vorbei. Statt der Störche tummelten sich nun Menschen in Badekleidung auf den überfluteten Wiesen. Auf einem Stand-up-Paddling-Board glitt eine Jugendliche über das Wasser. Eine Szene wie am Meer – kein typischer Anblick in dieser Gegend. Dass der Ursprung dieses Frohsinns in einiger Entfernung für großes Leid gesorgt hatte, war kaum noch greifbar. Das sah nach echtem Badespaß aus und wirkte irgendwie ansteckend. Ich beschloss, meine Fahrt für einen Spaziergang mit dem Hund zu unterbrechen.

Der Rüde ist kein ambitionierter Schwimmer, aber er liebt Pfützen. Das ideale Planschbecken für ihn lag also direkt vor mir. Befremdet beschnupperte er am Wiesenrand das Wasser. Er steht Veränderungen immer skeptisch gegenüber. Wenn auf ihm bekannten Feldern plötzlich Strohballen liegen, wird er nervös und schnuppert so lange, bis er endlich kapiert, dass Strohballen nicht gefährlich sind. So war es auch mit dem Wasser. Erst nach ausgiebiger Schnupperphase folgte die Eroberung. Die Dogge watete durch das Wasser, sprang an tieferen Stellen erschrocken zurück an meine Seite, um sogleich wieder wie verrückt durch das Wasser zu pflügen. Nach kurzer Zeit war ich so nass, dass ich genauso gut die Schuhe ausziehen und mit dem Hund durchs Wasser toben konnte.

Wir hatten Riesenspaß. Nur die vorbeitreibenden toten Nacktschnecken waren etwas eklig. Außerdem ließen drei Maus-Leichen auf der Wasseroberfläche erahnen, dass die Überschwemmungen nicht nur menschliche Behausungen zerstört hatten. Offensichtlich hatte das Hochwasser auch bei der Mäuse-Bevölkerung Leid verursacht. Vom Weltschmerz befallen, wollte ich gerade wieder aus dem Wasser steigen, als mir plötzlich klar wurde, wie der Freuden-Schmaus der Störche zwei Tage zuvor zustande gekommen war. Der Hund sprang, zum weiteren Spiel auffordernd, um mich herum. Ich seufzte kurz. Freud und Leid liegen einfach immer viel zu nah beieinander.

Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.