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Bedenkenträger

Mein Landleben Bedenkenträger

Ich pflücke meine Mahlzeiten gerne selbst. Zumindest teilweise. Vielleicht  habe ich noch dieses Sammler-Ur-Gen in mir. Jedenfalls erwacht im Frühjahr meine Sammel-Lust.

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Giersch – kann man das wirklich essen?

Quelle: Anke Weber

Es fängt mit Bärlauch an. Und seit ich entdeckt habe, dass man aus Giersch ebenfalls leckere Gerichte zubereiten kann, begleiten mich beim Hundespaziergang häufig Schere und Plastiktüte. Neulich hockte ich also am Straßenrand und sammelte Giersch. Ich behandele ihn wie Spinat – tatsächlich wird er auch Wildspinat genannt – und esse ihn mit Nudeln oder in einer Quiche.
An diesem Abend hatte ich meinen Giersch-Nudelteller schon deutlich vor Augen, als eine Fahrradfahrerin anhielt, erst meine neben mir stehende Dogge bestaunte, dann nach dem Weg fragte und schließlich wissen wollte, ob ich Kaninchen hätte. Sie selbst füttere ihre Kaninchen auch mit Giersch, aber die meisten Leute würden für ihre Nager ja überwiegend nur Löwenzahn sammeln. Ich hatte das Gefühl, dass ihr etwas die Gesichtszüge entglitten, als sie erfuhr, dass ich den Giersch selbst essen würde und gar keine Kaninchen hätte. Schließlich schien sie doch interessiert. Ehrlich? In der Pfanne? Einfach nur mit Zwiebeln und Knoblauch? Dann runzelte sie die Stirn und äußerte Bedenken: Aber so vom Straßenrand? Wo die ganzen Hunde hinpinkelten? Ihr Blick blieb an meinem Rüden hängen.
Später, als ich in meiner Küche stand, wusch ich den Giersch etwas sorgsamer als bisher. Ich dachte darüber nach, ihn künftig in meinem Garten zu ernten, obwohl er dort nicht so üppig wächst. Bei einem Blick aus dem Fenster sah ich meinen Hund durch den Garten streunern. Stand er nicht ganz in der Nähe des Bärlauchs, als er sein Bein hob? Und warum machte ich mir plötzlich Gedanken über Urin auf essbaren Pflanzen? Ich ärgerte mich. Die Fahrradfahrerin hatte mir eindeutig den unbeschwerten Genuss versaut. Trotzig fing ich an, mir die Sache schönzureden. Natur pur und so.
Es kam mir sogar in den Sinn, dass Urin als gesund und therapietauglich gilt. Zugegeben – von Hunde-Urin hatte ich das noch nicht gehört. Aber egal.
Vor mir dampfte mein Giersch und ich hatte plötzlich keine Lust mehr, mir Gedanken über die Bedenken einer fremden Frau mit pinkfarbenem Fahrradhelm zu machen. Ob ihr eigentlich klar war, dass wahrscheinlich hier und da auch mal ein Reh, Fuchs oder Hase ins Erdbeerfeld strullt? Ich fragte ich mich, auf welche Essens-Freuden die Dame wohl aus Angst vor Urin-Rückständen verzichtet. Keine Erdbeeren? Heidelbeeren? Die arme Frau. Genüsslich schob ich mir die erste mit Giersch beladene Gabel in den Mund. Lecker. Und so natürlich.

Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.