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Beim Dorf-Friseur

Mein Landleben Beim Dorf-Friseur

Ich habe in meinem Leben schon mit diversen Friseuren experimentiert. Auch mit Frisuren. Aber das weniger. Mein Style wechselt diesbezüglich lediglich zwischen lang und sehr lang. Insofern wurde mir eines Tages klar, dass es übertrieben ist, zum Spitzen schneiden in die Großstadt zu fahren und den dreifachen Preis auf den Tisch zu legen, nur weil mein Dienstleister sich dort Hairstylist nennt.

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Einmal schneiden und informieren, bitte.

Quelle: Anke Weber

Mein Landleben. Seitdem begebe ich mich mit meinen Haaren wieder in den Friseur-Laden im Dorf und nicht mehr zu X-Style oder Y-Hair in der Stadt. Auf dem Land nennt sich der Dienstleister für die Haare häufig Friseursalon plus Nachname, Haarstudio, Frisurenlädchen oder Friseurstübchen.

Meist sieht so ein Friseurstübchen auch so aus, wie es klingt. Irgendwie niedlich. Unter der Haube sitzt die Oma, die man manchmal auch im Hofladen trifft. Und im Schaufenster gibt es keine hippen Sitzbänke, auf denen man sich wegen der riesigen Sitzfläche wie ein kleines Kind vorkommt – mit baumelnden Beinen und ohne Rückenlehne.

Wartende Kunden sitzen ganz traditionell auf einem Sofa. Allerdings sehe ich beim Dorf-Friseur selten wartende Kunden. Termine werden gleich für nachher oder morgen vereinbart. Und zwar so, dass sie auch eingehalten werden können. In Wahrheit gibt es auch kein echtes Schaufenster.

So ein Friseurstübchen befindet sich häufig in einem ganz normalen Wohnhaus und hat ganz normale Fenster. Darin hängen zu Weihnachten ein paar Kugeln, im Januar Schneeflocken aus Watte und zu Ostern bunte Eier. Hier hantiert niemand absichtlich mit dem Retro-Trend. Das hat schlicht die Zeit erledigt.

Grundsätzlich wird beim Friseur ja auch viel geredet. In der Stadt ist das mit der Themenfindung immer etwas anstrengend. Das Wetter, die Beschaffenheit der Haare und Punkt. Da ist es beim Dorf-Friseur doch viel kurzweiliger. Immerhin stehen die Menschen ganzer Dörfer als Gesprächsmaterial zur Verfügung. Man kennt sich ja.

Und seit die Tante-Emma-Läden aus den Dörfern fast verschwunden sind, hat der Friseur quasi das Monopol auf den Informations-Nachschub. Das wöchentliche Anzeigen-Blatt kann man nach so einem Friseur-Besuch getrost in den Papiermüll entsorgen.

Mein Dorf-Friseur ist sogar richtig innovativ. Einmal die Woche wird dort auch noch nach sechs Uhr abends gearbeitet. Wegen der Berufstätigen. Meist sind es Männer, die dieses Angebot wahrnehmen. Und statt einer Piccolo-Flasche Sekt, die der Stadt-Friseur häufig anbietet, bekommen die Kunden an diesen Abenden ein Bier. Oder auch fünf. Ich glaube, das Angebot teste ich auch bald mal. Ich mag sowieso keinen Sekt.

Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.