Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Blühstreifen-Rebellen

Mein Landleben Blühstreifen-Rebellen

Das sich Blumenwiesen nicht an bürokratisches Regelwerk halten, stellt Anke Weber in Ihrer Landleben-Kolummne fest.

Voriger Artikel
Wallnuss-Gedächtnis
Nächster Artikel
Schuh-Freundschaft

Ganz gegen die Regeln – Blumenstrauß vom Blühstreifen.

Quelle: Weber

Von Anke Weber

Den ganzen Sommer lang habe ich mit meinem Hund ein Blumenfeld umrundet und mich an der bunten Pracht erfreut. Noch immer trotzen die Ringelblumen dort der nahenden November-Tristesse. Der Hundewelpe ist zwischen den Blüten umhergehüpft, und dreimal konnten meine Familie und ich nicht die Finger von den Blumen lassen. Einmal hat mir mein Mann einen Strauß gepflückt. Das fand ich romantisch. Dann hat meine Tochter mir einen Strauß gepflückt – ich war gerührt. Und einmal musste ich unbedingt selbst eine Sonnenblume mitgehen lassen. Das alles war natürlich geklaut. Aber es fühlte sich eher an wie Mundraub für die Seele. Oder das Glück. Oder eben die Romantik. Zum Glück kenne ich den Mann, dem das Feld gehört. Er hat gelächelt. Ich denke, das war so eine Art Erlaubnis.
An jedem weiteren Tag, den ich das Feld umrundete, erfreute ich mich einfach nur an der Blumenpracht, ohne sie zu pflücken. Meine tägliche Augenweide. Das habe ich auch dem Besitzer erzählt, als ich ihn neulich beim Hundespaziergang traf. Dass die Umrundung seiner Blumenwiese mein neuer Lieblingsweg sei. Natürlich wollte ich auch wissen, ob es im nächsten Jahr dort wieder so schön blühen würde. Ja, sagte der Mann. Und dann erfuhr ich, dass die Blumenwiese gar keine Blumenwiese ist. Sondern ein Blühstreifen. Und dass keineswegs der Besitzer die Saat in der Vorfreude auf leuchtende Blüten hatte aussuchen dürfen. Sondern dass die Mischung des Saatguts vorgeschrieben ist. Laut Landwirtschaftsministerium. Ebenso wie die Größe der Fläche oder des Streifens. Das liegt daran, dass Blühstreifen und -flächen gefördert werden. Ich hörte dann sehr viele Zahlen und Fakten rund um den Blühstreifen. Keine Spur mehr von Blümchen, Bienchen und Romantik. Desillusionierend. Mein neuer Lieblingsort war Regelwerk.
Doch am nächsten Morgen jagte der Hund wieder den Schmetterlingen hinterher. Ich selbst ließ mir den Tag von den noch blühenden Ringelblumen erleuchten. Und fast waren die ganzen Regeln vergessen. Doch dann erblickte ich die Distel, die dort, wie ich nun wusste, gar nicht erwünscht war. Als ich diese Rebellion auf dem Blumenfeld entdeckte, war ich froh. Mit Blumenwiesen verhält es sich so ähnlich wie mit dem Leben. Man kann sie nicht bis ins Detail reglementieren und weiß nie, was sich da noch so entwickelt.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben
Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.