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Cooler als der Eismann

Mein Landleben Cooler als der Eismann

Auf dem Land besitzen die Menschen Gefriertruhen. Oder Gefrierschränke. Es ist üblich, sich quasi den Sommer einzufrieren. Erbsen, Beeren, Petersilie – alles kommt erntefrisch in die Truhe. Früher hatten wir zu Hause auch so eine Truhe. Eine Innovation, die meine Oma sehr glücklich gemacht hat.

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Zuvor hatten wir nämlich nur ein Fach im Kühlhaus. Das war kommunikativer, weil man dort jeden traf, der Gefrostetes für das Mittagessen brauchte. Aber es war auch umständlicher, weil man für jede Erbse ins Dorf latschen musste. Zugunsten der Bequemlichkeit verzichtete meine Oma auf Klatsch und Tratsch. Mich interessierte an der neuen Truhe ausschließlich das Eis, das meine Oma in großen Boxen von einem Tiefkühlwagen an der Haustür kaufte.
Abgesehen vom Eis war mir der Inhalt unserer Gefriertruhe unbekannt. Er kam erst zum Vorschein, wenn abgetaut wurde. Vorzugsweise im Winter. Dann stellte meine Mutter die Lebensmittel vor die Tür, wo sie bei Minusgraden tiefgefroren blieben. Vorher musste sie sich allerdings mit meiner Oma streiten. Um Himbeeren mit der Aufschrift einer Jahreszahl jenseits meiner Vorstellungskraft. Und um Tüten mit bunten Bändern, deren Inhalt nicht mehr eindeutig zu identifizieren war. Aus diesem Grund – und weil ich selten Gemüse anpflanze – habe ich nur einen kleinen Gefrierschrank. Da behalte ich den Überblick. Dennoch finden sich jedes Mal beim Abtauen längst vergessene Dinge. Zum Beispiel der überdimensionale Eisball, den wir nach einem Hagelschauer als Beweis eingefroren hatten. Und jedes Mal frage ich mich, ob es in meinem kleinen Haushalt nicht überflüssig ist, einen Gefrierschrank zu besitzen.
Meine Freundin hat jetzt zwischen tiefgefrorener Petersilie und Heidelbeeren sogar eine Jeans gefunden. Sie gehört ihrem Sohn. Er ist davon überzeugt, dass es schädlich ist, Jeans zu waschen. Für die Jeans. Und für die Umwelt. Zu dieser Überzeugung hat ihm das Jeans-Label verholfen, das diesen Trend der ungewaschenen Jeans ins Leben gerufen hat. Hat angeblich was mit gewebeschonend und Nachhaltigkeit zu tun. Tatsache ist, dass besonders Jungen darauf stehen. Ist eben was für Kerle, so eine dreckige Jeans. Und damit die nicht so übel riecht, soll man sie in die Gefriertruhe legen. Tests haben bewiesen, dass das eigentlich gar nicht hilft. Das ist dem Sohn meiner Freundin aber egal. Hauptsache trendy und cool.
Mit Trends habe ich es ja nicht so. Aber für Nachhaltigkeit bin ich schon. Deshalb überlege ich jetzt, ob ich den Gefrierschrank doch lieber behalte. Und stattdessen die Waschmaschine abschaffe. Man muss ja flexibel bleiben.

Von Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.