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Das Ende der Listen

Kein Aufschub für ungeliebte Aufgaben Das Ende der Listen

Mein Leben ist voller Listen. Auf meinem Schreibtisch liegen To-Do-Listen, auf dem Computer häufen sich Ideen-Listen, zum Beispiel mit Landleben-Themen. Ein Stichwort lautet: Tiernasen. Einziger Anlass, dies zu notieren, war ein lustiges Foto.

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Kalenderquatsch

Der Hund buddelt Löcher mit einer Leidenschaft, wie sie auch Listen-Schreiber entwickeln.

Quelle: Anke Weber

Von Anke Weber. An einer Text-Idee mangelt es noch. Ich bleibe immer bei der Feststellung hängen, dass ich Tiernasen süß finde. Aber ich schweife ab. Und das ist der Kernpunkt meiner Listen. Statt den Kopf frei zu halten, sorgen sie für Zerstreuung. Sobald ich ihnen Aufmerksamkeit schenke, schweife ich von meiner aktuellen Aufgabe ab und widme mich einem Punkt auf der Liste.

Es ist keine Seltenheit, dass ich ein Landleben schreibe, mein Blick nebenbei auf einer Liste landet, ich dann plötzlich aufstehe und die Gartenpumpe anschließe. Oder im Küchenschrank, wie soeben, Tomaten-Saatgut suche. Warum? Auf meiner Liste stand: Tomaten. Eine Erinnerung, das Saatgut, das ich von meinen eigenen Tomaten abgenommen hatte, in die Erde zu bringen. Das Saatgut ist schätzungsweise drei Jahre alt. Keimt das überhaupt noch? Und bin ich nicht sowieso wieder zu spät dran? Abgesehen davon schmecken die Tomaten vom Bio-Gemüse-Gärtner auf dem Markt ausgesprochen aromatisch. Bis zu dieser Erkenntnis ist etwa eine Stunde vergangen, in der ich im Schuppen nach Töpfen und Erde gesucht habe und schließlich überlegen musste, wo sich überhaupt das Saatgut befindet. Plus einer Zöger-Phase und dem erleichternden Entschluss, dass ich keine Tomaten ziehen MUSS.

Weil soviel Zeit verstrichen war, musste nun das Landleben dringend geschrieben werden. Ich landete bei den Tiernasen in meiner Liste und blieb – wie jedes Mal bisher – bei der ersten Zeile hängen. Also genau genommen helfen mir meine Listen kaum weiter. Auch mit dem Erdloch, ebenfalls ein Stichwort auf einer Liste, habe ich noch keine Fortschritte erzielt. Mein Hund hat es gebuddelt und erweitert es mit ähnlicher Leidenschaft wie ich meine Listen. Leider befindet es sich an einer Hausecke und ist mittlerweile so tief, dass ich die übertriebene Befürchtung hege, das Haus könne an der Stelle absacken. Das ist natürlich Quatsch. Aber sicherheitshalber möchte ich das Loch wirklich füllen. Allerdings rätsele ich noch, an welcher Stelle des Gartens ich die Erde dafür entnehme. Ein Problem, das ich auf eine Liste setzen sollte. Oder besser nicht. Ich habe die Listen endgültig enttarnt. Sie sind eine Ansammlung unzähliger Dinge, zu denen ich keine Lust hatte oder für die ich keine Lösung wusste. Für das Erdloch am Haus brauche ich keine Liste – ich sehe es jeden Tag. Und deshalb gehe ich jetzt in den Garten und erledige den Fall.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.