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Das flackernde Leuchten der Kindheit

Landkreis / Mein Landleben Das flackernde Leuchten der Kindheit

Es ist dunkel draußen. Daran muss man sich gewöhnen, dass der Tag bereits um fünf Uhr am Nachmittag zu Ende zu gehen scheint. Aber neulich habe ich einem sehr erhellenden Brauch beigewohnt – einem Laternenumzug.

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Eine Laterne im Büro – die Erhellung des Novembers.

Quelle: Anke Weber

Von Anke Weber

Landkreis. Ich hatte lange keinen Laternenumzug mehr mitgemacht. Nachdem ich meine eigene Laterne – eine Sonne – abgelegt hatte, gab es eine lange Laternen-Pause. Doch dann bekam ich Neffen, Patenkinder, ein eigenes Kind und Leih-Kinder von Freunden. Endlich konnte ich wieder Laterne gehen! Der Ort des Geschehens wechselte, aber der Laternenumzug unterschied sich von Ort zu Ort nur unwesentlich. Vorne und hinten die Feuerwehr inklusive Kapelle und das halbe Dorf im Watschelgang dazwischen, auf den Lippen ein schüchternes „Laterne, Laterne“. Am Rande der Kulisse zündeten Mütter und Väter zum dreiundvierzigsten Mal mit klammen Fingern eine Kerze an. Ein paar Jungen, die ihren Mut überschätzt und sich schon frühzeitig für eine Fackel entschieden hatten, kämpften mit der Flamme, die der Wind grundsätzlich Richtung Gesicht und Anorak peitschte.

Mit ausgestreckten Armen gingen sie steif der Menge hinterher und hatten erst wieder Spaß, wenn sie am Kakao-Stand angekommen waren. Später, im Bett, wandelte sich die Tortur dann doch zur Heldentat. Dann, wenn sie sich, den Bauch voller Waffeln und Würstchen, sagen konnten, dass sie nicht wie die Kleinkinder mit einer Laterne gegangen waren. Doch auch mit Laterne am dünnen Stab war es eine Herausforderung, dem Herbststurm zu trotzen. In meiner Erinnerung zerrte der Wind feindselig an meiner Sonne und wer es schaffte, seine geliebte Laterne ohne Brandschaden zum Ziel zu tragen, war froh, das grazile Papier-Gestirn an die Eltern abgeben zu dürfen. Die falteten es sorgsam zusammen und legten es später samt Stock auf den Dachboden – bis zum nächsten Jahr.

Nach langer Laternen-Abstinenz stellte ich neulich fest, dass erloschene Kerzen der Vergangenheit angehören und allenfalls Wackelkontakte den Eltern zu schaffen machten. Es gab auch keine verkohlten Laternen und infolgedessen auch keine bitteren Kindertränen. Allerdings gab es auch nicht diese Geschichten, die sich die Kinder am nächsten Tag mit aufgerissenen Augen und leichtem Schaudern, wankend zwischen Sensationslust und Mitleid, an der Bushaltestelle erzählen konnten. Maximal waren die Laternen vom Wind und einem etwas ruppigen Umgang zerzaust und zerknickt.

Seitdem denke ich darüber nach, ob ich diese elektrisch-moderne Welt nicht doch etwas unromantisch finde. Grundsätzlich bin ich die Allerletzte, die über hilfreiche Technik zetert. Ich liebe die neue vernetzte Welt mit Internet und Steckdosen in allen Ecken. Aber das Fehlen der Kerzenlichter beim Laternenumzug, mit Wachsduft und Rauchfahne, das hat mich doch etwas wehmütig gemacht. Deshalb habe ich mir wieder eine Sonne gekauft. Sie hängt in meinem Büro und erhellt den späten Nachmittag. Mit Kerzenflackern und Rauchfahne. Und manchmal summe ich ganz leise „Laterne, Laterne“.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.