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Der Geschmack von Kindheit

Mein Landleben Der Geschmack von Kindheit

Neulich war es wie damals, als ich ein Kind war und mitfahren durfte – zur Mosterei. Ich habe keine Ahnung, was ich daran so spannend fand. Die meiste Zeit saßen wir im Auto und haben gewartet. Aber die Tatsache, dass aus den Äpfeln, die ich im Garten gesammelt hatte, wirklich Apfelsaft wurde, hat mich fasziniert.

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Erntezeit: In der Mosterei wird aus den eigenen Äpfeln purer Apfelsaft. 

Quelle: Weber

Von Anke Weber

Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Gegenteil: Im Zeitalter der Zuckerzusätze und Ersatzstoffe finde ich es noch beeindruckender als damals, tatsächlich den puren Saft ungespritzter Äpfel in mein Glas gießen zu können. Ich darf dabei ganz sicher sein, dass wirklich kein Zucker in meinem Saft ist. Maximal ein paar Blätter und zerquetschte Würmer, die sich dummerweise noch im Inneren eines Apfels getummelt haben. Sorry. Da konnte die Reinheitskontrolle bei dieser Aktion keine Rücksicht nehmen.

Wenn sich der frühe Herbst so freundlich zeigt wie dieses Jahr, dann ist die Apfelernte sehr romantisch. Die Sonne ist längst nicht mehr so bissig wie im Hochsommer. Stattdessen schmeichelt sie auf der Haut, sodass man für immer auf der Gartenbank sitzen bleiben möchte. Im leicht milchigen Herbstlicht trotzen die leuchtenden Farben dem schon bald aufkommenden Grau. Und mitten in dieser Kulisse steht mein Mann auf der Leiter, und aus der Baumkrone fallen Äpfel. Das ist pur und ursprünglich. Aber auch kitschig wie Margarine-Werbung im Fernsehen.

Ich will nicht verschweigen, dass sich die ganze Szene auch an einem windigen Herbsttag im von der Seite peitschenden Regen abspielen könnte. Aber dieses Jahr war alles lauwarm und in mildes Licht getaucht.

Am nächsten Tag wurden die Säcke mit den Äpfeln ins Auto geladen. Ebenso wie die ausgewaschenen Saft-Flaschen und die gereinigten Deckel. Beides wird jedes Jahr wiederverwendet. Wie früher eben. Und dann fuhren wir zur Mosterei. Auch wie früher. Nur, dass wir nun tatsächlich Apfelsaft von unseren eigenen Äpfeln bekamen.

Das war in der Mosterei meiner Kindheit anders. Dort wurden die Äpfel zusammengekippt, und wer abgeliefert hatte, durfte sich auf der anderen Seite der Halle ein paar Kisten abholen. Dieses Mal haben wir unsere Äpfel selbst in einen Behälter geschüttet, schnell noch ein paar Blättchen entfernt und dann zugesehen, wie aus unserer Ernte Saft wurde. Wir bekamen die erste Probe in Plastikbechern gereicht. Heiß und dampfend. Das fand sogar ich lecker. Obwohl ich nicht gerade ein riesiger Fan von Apfelsaft bin.

Aber vom Mosten bin ich Fan. So ein Tag in der Mosterei schmeckt nämlich nach purer Kindheit.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.