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Der Mai ist gekommen

Mein Landleben Der Mai ist gekommen

Nun ist er endlich da, der Mai. Also auch gefühlt. Mit Sonne, Wärme, Maiglöckchenduft, Nachtigall-Gesang, dem kompletten Farbfächer an Grün- und Gelbtönen und allem Drum und Dran. Und mit den Liedern in meinem Kopf. Lieder aus meiner Kindheit. Der Mai ist gekommen.

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Wenn der weiße Flieder wieder blüht...

Quelle: Anke Weber

Ich weiß noch, dass ich als Kind nie begriffen habe, was das bedeuten soll: Die Bäume schlagen aus. Wir haben an der Stelle im Text immer gekichert und wie ein ausschlagendes Pferd mit dem Bein nach hinten getreten. Ich ging damals in eine Dorfschule. Zwei Klassen in einem Raum. Die Lehrerin hat böse geguckt und wir haben den Blick nach unten gesenkt und weitergesungen.

Jetzt ist das Lied also plötzlich wieder da und ich ertappe mich dabei, dass ich es beim Hundespaziergang vor mich hinsinge, begleitet vom Summen der Bienen im Raps. Zum Glück hört mich niemand, draußen in Feld und Wald.

Nur die Vögel, die alle schon da sind und mit ihnen das nächste Lied in meinem Kopf: Alle Vögel sind schon da.Der Kuckuck natürlich auch. Sein Ruf schallt aus dem Wald zu mir herüber. Und ich antworte: Kuckuck, Kuckuck, ruft‘s aus dem Wald. Der Mai ist voller Gesang.

Auch der Flieder pflanzt mir eine Melodie in den Kopf: Wenn der weiße Flieder wieder blüht. Den gleichnamigen Film hat wahrscheinlich meine Mutter sehr geliebt. Das nehme ich jedenfalls an, da ich ihn offenbar so oft gesehen habe, dass ich das Lied auswendig singen kann. Auf jeden Fall erkenne ich mich selbst kaum wieder. Ich bin nämlich keinesfalls eine wandelnde Mundorgel, die ständig altes Liedgut von sich gibt. Wenn überhaupt, dann singe ich im Auto zu etwas härterem Kaliber. Aber diese weichgespülte Mai-Duft- und Geräuschkulisse macht mich zu ihrem singenden Spielball.

Allerdings scheinen auch noch andere infiziert zu sein. Bei einer Autofahrt erregte ein junges Pärchen meine Aufmerksamkeit, weil es auf dem Bürgersteig Walzer tanzte und – das konnte ich durch das geöffnete Fenster hören – sang. Vielleicht übten die beiden Jugendlichen nur für die Tanzschule. Aber vielleicht waren sie, wie ich, einfach dem Mai-Zauber erlegen.

Auch eine Fahrradfahrerin habe ich neulich beim Singen aus voller Kehle ertappt. Mein Hund und ich kamen aus einem Feldweg und waren wegen des wild wuchernden Grüns offenbar nicht gut zu sehen. Ich hörte die Fahrradfahrerin schon aus der Ferne. Sie jedoch erschrak sichtlich, als sie mich plötzlich bemerkte. Abrupt verstummte sie, hielt sich die Hand vor den Mund und lachte. „Oh, peinlich“, rief sie mir zu. „Aber der Mai macht mich immer so fröhlich.“ – Und da ist sie wohl nicht die Einzige.

Anke Weber

 

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.