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Die Schattierungen der Nacht

Winterromantik Die Schattierungen der Nacht

Wenn es um Romantik geht, denken immer alle sofort an Sonnenuntergänge über dem Meer. Oder an laue Sommernächte. Aber in dieser frostigen Woche ist mir klar geworden, dass Winternächte komplett unterschätzt werden.

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Die blaue Stunde – eine magische Zeit zwischen Dämmerung und Nacht.

Quelle: Anke Weber

Mein Landleben. Der Winter ist die dunkle Jahreszeit und Romantik wird in diesen Monaten höchstens im Zusammenhang mit Schnee-Spaziergängen erwähnt. Oder mit Abenden vor dem Kamin. Meistens wird die Welt da draußen dann mithilfe von Gardinen oder Rollläden ausgesperrt. Auch bei mir. Schotten dicht. Der kalte Winter kann mich mal. Neulich habe ich aber über meiner Arbeit am Computer völlig vergessen, das Licht anzumachen und die Rollläden herunterzulassen. Um am Laptop zu arbeiten braucht es im Grunde ja kein zusätzliches Licht. Irgendwann war ich fertig mit meiner Arbeit und sah aus dem Fenster in die Dunkelheit.

Nicht so dunkel wie ihr Ruf

Grundsätzlich kann die Nacht auf dem Land ja sehr dunkel sein. Vor meiner Tür gibt es noch nicht einmal Straßenlaternen. Wenn der Himmel wolkenverhangen ist, muss man sich also sehr anstrengen, nicht vom Weg abzukommen. In den meisten Fällen ist die Nacht aber gar nicht so dunkel wie ihr Ruf. Es gibt Schattierungen. Nachtschwarz. Mitternachtsblau. Perlnachtblau. Dunkelheit heißt nicht immer, dass man nichts sieht. Und an jenem frostigen Abend lag die Welt vor meinem Fenster wie verzaubert da. Ich klappte den Laptop zu, womit auch die letzte künstliche Lichtquelle in meinem Haus erlosch, setzte mich aufs Sofa und sah in den Garten. Ich konnte den Mond nicht sehen, aber er musste dort irgendwo sein, denn alles war versilbert. An den Zweigen, die sich pechschwarz gegen den etwas heller schimmernden Himmel absetzten, glitzerte der Raureif. Ich blieb eine ganze Weile so sitzen, ließ meine Gedanken flanieren und schwelgte in der Schönheit dieser Winternacht.

Mystisch. Faszinierend. Magisch.

Am nächsten Tag war ich infiziert. Dieses Mal ließ ich die Rollläden absichtlich oben und das Licht aus. Bereits in der Dämmerung setzte ich mich aufs Sofa und sah hinaus. Und plötzlich war die Welt blau. Ich sah das, was der Dämmerung folgt und was man Blaue Stunde nennt. Es war mystisch. Faszinierend. Magisch. Und alles war ganz still. Winterstill. Auch ich selbst. Der Blick aus dem Fenster wurde zu einem Blick in die Seele – die Seele des Winters. Und ich weiß jetzt, dass er zwar immer sehr eisig und kühl tut, in seinem Inneren aber das Herz eines glühenden Romantikers schlägt. So einen sperrt man natürlich nicht aus. Also meine Rollläden bleiben jetzt abends oben. Zumindest solange, bis sich die Nacht tiefschwarz zeigt. Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.