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Die Welt in Rückenlage

Den Gedanken ausgeliefert Die Welt in Rückenlage

Ich habe Rücken. So sagt man ja gerne umgangssprachlich, wenn man sich kaum noch aufrecht halten oder bücken kann. Es gibt dafür die verschiedensten Ursachen und ich erinnere mich daran, wie spektakulär ich in meiner Kindheit den Hexenschuss meines Onkels fand.

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Bedauernswerter Käfer in hilfloser Lage.

Quelle: Anke Weber

Von einer Minute zur nächsten mutierte er in meiner Gegenwart zum kriechenden Käfer. Eindeutig das Werk einer Hexe. Später, mein Körper war noch in einer jungen Phase, bekam ich ebenfalls Probleme mit meinem Rücken. Leider fand ich keine Hexe, die ein Gegenmittel für mich braute. Mein einziger Besuch bei einem Orthopäden ergab die Diagnose: Produktionsfehler. Da ich Spritzen so weit wie möglich meide, blieb mir nur die Selbsthilfe. Ein bisschen dehnen, ein bisschen strecken. Irgendwie ging es dann schon wieder. Ich bekam das Problem jedes Mal selbst in den Griff. Bis vor ein paar Tagen.

Weder hatte ich Holz gehackt, noch schwere Gartenarbeit geleistet oder Getränkekisten geschleppt. Ich hatte mich lediglich nach einem Gegenstand zu meinen Füßen gebückt. Seitdem habe ich sehr viel Gelegenheit, die Zimmerdecke oder den Himmel zu betrachten. Glücklicherweise habe ich mir für diesen Zustand eine Schönwetter-Woche ausgesucht, sodass ich beim Rumliegen wenigstens ein bisschen Sommer-Teint bekomme. Aber etwas langweilig ist dieser Liegezustand schon. Lesen ist nämlich geradezu unmöglich. Ich habe bereits die verschiedensten Buch-Halterungen konstruiert, aber keine davon funktioniert. Und das Buch dauerhaft über dem Kopf festzuhalten, verkrampft die sowieso schon schmerzgeplagte und angespannte Rücken-Region noch mehr. Also bleibt nur das Wolkengucken. Ich habe schon Elefanten, Löwen, Drachen und sogar Raumschiffe über meinem Garten gesichtet. Oft bleibt der Himmel aber auch wolkenfrei. Dann habe ich sehr viel Zeit, mir Gedanken über alles Mögliche zu machen. Zum Beispiel darüber, wie Schildkröten sich fühlen, wenn sie auf dem Rücken liegen. Das passiert manchmal und sie brauchen immer sehr lange, bis sie schaukelnd den entscheidenden Überschlagspunkt erreichen, um wieder auf die Beine zu gelangen. Ein mitleiderregendes Schauspiel.

Tatsächlich fühle ich mich nun selbst wie eine Schildkröte. Besonders morgens. Oder wie Gregor Samsa aus Kafkas berühmter Erzählung „Die Verwandlung“. Ich mochte diese unerfreuliche Geschichte noch nie. Aber endlich habe ich eine Idee, was Franz Kafka zu diesem Klassiker der Literatur inspiriert haben könnte. Der Mann hatte einfach Rückenschmerzen. Oder wahrscheinlich sogar einen heftigen Hexenschuss.

Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.