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Eiermangel

Mein Landleben Eiermangel

Mein Opa hatte früher Hühner. Wenn ich in das Gehege kam, setzten sie sich hin und ließen sich von mir streicheln. Alles, was mit den Hühnern zu tun hatte, gefiel mir. Zum Beispiel die großen Futterkisten mit Korn.

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Ich sammelte auch gerne die Eier ein. Vermutlich war ich stolz, dass man mir diese Aufgabe zutraute, denn man musste aufpassen, dass sie nicht zerbrachen. Außerdem stibitzte ich von den Hühnerkartoffeln, die mein Opa in einem großen Topf kochte und anschließend draußen, auf der Holzbank, abkühlen ließ. Um den Nachschub von Eiern machte ich mir nie Gedanken. Es gab davon scheinbar immer genug bei uns.

 Heute kaufe ich meine Eier auf einem Hof in der Nachbarschaft, wo die Hühner so liebevoll gehalten werden, wie ich es von meinem Opa kenne. Das ist das Mindeste, was mein Gewissen diesbezüglich von mir fordert. Allerdings musste ich nun feststellen, dass der Eier-Nachschub keinesalls unerschöpflich ist. „Die Hühner legen gerade schlecht“, hieß es. Zuerst wollte ich mir auf einem anderen Hof Eier kaufen. Aber dann entschied ich mich, auf Eier zu verzichten, wenn meine Eier-Produzenten Pause machten. Und so entwickelte ich eine ganz neue Wertschätzung für Eier. Tatsächlich recherchierte ich sogar, warum die Hühner gerade keine Eier legten. Ich wusste, dass sie irgendwann in die Mauser kommen. Also quasi Fellwechsel, beziehungsweise Federwechsel. Das passiert im Herbst und verlangt dem Hühnerkörper viel Energie ab, weshalb die Eierproduktion nachlässt. Inzwischen war Winter und die Eier-Produktion lief immer noch nicht. Hühner brauchen nämlich Licht. Sobald die Sonne aufgeht, fängt ein Huhn an zu fressen. Geht die Sonne unter, stellt es diese Aktivität ein. Die Produktion eines Eies erfordert viel mehr Nahrung, als ein Huhn während der wenigen hellen Stunden im Winter zu sich nehmen kann. Also Winterpause in Sachen Eierproduktion. Kaum zu glauben, wenn man die Eier im Supermarkt betrachtet. Aber die stammen von Hühnern, deren Ställe mit elektrischem Licht erhellt werden.

 

 Seit ich das weiß, fühle ich mich mit den Hühnern sehr solidarisch. Auch ich habe im Winter ab 17 Uhr das Gefühl, der Arbeitstag sei nun zu Ende. Das muss so eine Art Hühner-Gen in mir sein. An kurzen Tagen wird einfach weniger produziert.

Von Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.