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Fröhliche Gehässigkeit

Mein Landleben Fröhliche Gehässigkeit

Die Geborgenheit auf dem Land ist trügerisch. Das Völkchen, das so selbstverständlich Werkzeug oder Äpfel miteinander teilt und sich in stressigen Zeiten gegenseitig mit Suppe und Kindersitter-Diensten umsorgt, kann ebenso gehässig sein.

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Schneckenpost

Fegen: Ein von den liebevollsten gemeinen Freunden initiiertes Ritual im Zusammenhang mit Alkohol.

Quelle: Weber

von Anke Weber

Grundsätzlich sind auf dem Dorf alle liebevoll verbandelt. Aber von Zeit zu Zeit wird es gemein. Besonders bei Feierlichkeiten.

 Tatsächlich sind es die eigenen engsten Freunde, die ursprünglich harmlose Bräuche schadenfroh mit neuen Varianten auskleiden. Wie neulich bei dem 30-Jährigen, der in Wölpinghausen in die Meeresblickstraße verschleppt wurde. Er hatte einen unverzeihlichen Fehler begangen und war unverheiratet 30 Jahre alt geworden. Da muss man fegen. Das weiß jedes Kind. Aber die Zeiten, da Junggesellen in Frack und Zylinder friedlich Holzspäne von der Rathaustreppe fegen, sind vorbei. Auch Bräuche werden weiterentwickelt. Meistens Richtung Schonungslosigkeit. Immerhin: Als Werder-Bremen-Fan war das Geburtstagskind prädestiniert für diesen Brauch, der aus Bremen stammt und dort seit 1890 als sogenannte Hänsel-Strafe auf der Domtreppe durchgeführt wird. Aber war für den wahren Werder-Fan am vergangenen Sonnabend nicht das Spielergebnis gegen Bayern München schon Höchststrafe? Also Hänsel-Strafe in Reinform? Mussten die Freunde die geschundene Seele auch noch in ein HSV-Trikot stecken?

 Abgesehen von den spärlichen Werkzeugen, die der 30-Jährige zur Beseitigung unzähliger Kronkorken zur Verfügung hatte (Zahnbürste und Besen mit Wabbel-Stiel), wurde auch sein sowieso schon empfindlicher Magen auf die Probe gestellt. Alkoholische Getränke waren dabei das geringste Problem. Die Geschmacksprobe, die der Fegende überstehen musste, hatte mit Senf, Erdnussbutter und Babybrei zu tun. Mit verbundenen Augen musste der Mann die pur auf dem Löffel verabreichten Widerlichkeiten identifizieren. Bei Fehleinschätzung wurde er bestraft – natürlich mit Alkohol. Oder mit Schminke. Derart vollgeschmiert mit Lippenstift und nach Alkohol stinkend, erweist es sich für das Opfer des eigenen Geburtstages dann auch als schwer, eine passende Jungfrau zum Freiküssen zu finden. Kinder weigern sich zurecht, diese Aufgabe zu übernehmen. Fraglich bleibt nun, ob der Mann, der vor einer Woche auf der Meeresblickstraße in Wölpinghausen gefegt hat, jemals die tolle Frau an seiner Seite ehelichen wird. Wahrscheinlich hat er einfach zu viel Angst – vor seinen Freunden und den Bräuchen, die so eine Dorf-Hochzeit mit sich bringt.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.