Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Frühlings-Duftmarke

Gülleduft liegt in der Luft Frühlings-Duftmarke

Es ist Frühling. Sogar kalendarisch. Nicht nur gefühlt. Und da habe ich natürlich einige Erwartungen. Frühling soll so sein, wie es in den Gedichten und in den Zeitschriften steht.

Voriger Artikel
Beim Dorf-Friseur
Nächster Artikel
Ostern und die Eier

Auf dem Land riecht Frühling nicht nur nach Blümchen.

Quelle: Weber

Mein Landleben. Ich denke da an Vogelgezwitscher, Buschwindröschen, Leberblümchen, Temperaturen um die zwanzig Grad und diesen wunderbaren Frühlingsduft. Eine Vorstellung, die ich mit vielen Menschen teile. Fast alle Leute haben eine romantische Sicht auf den Frühling. Eine Sicht, die Waschmittel-Hersteller gerne für sich nutzen. Aber was genau meinen sie eigentlich mit frühlingsfrisch? Waren die noch nie auf dem Land? Da riecht der Frühling nämlich nicht nur nach Hyazinthen.

Auf dem Land beginnt der Frühling so: Alle merken gleichzeitig, dass ihr Auto dreckig ist, fahren in die Waschanlage und treffen dort endlich auch mal wieder die Nachbarn. Die Waschanlage war diese Woche sehr angesagt. Ich war auch dort. Alle mussten warten und konnten sich dabei sehr lange unterhalten. Auf der Fahrt nach Hause mussten wieder alle lange warten, weil auf den Straßen hauptsächlich Trecker unterwegs waren. Die meisten transportierten riesige Behälter auf ihren Anhängern – Güllefässer.

Die ganze Kolonne sah ein bisschen aus wie ein verspäteter Karnevals-Festzug. Weil auch so viele Trecker entgegenkamen, konnte niemand überholen. Das war unangenehm, denn im Auto roch es auch schon nicht mehr gut. Da hätte auch kein Duftbaum gegen anstinken können. Plötzlich bogen alle Trecker ab. In den Feldweg. Mein Weg. Meine Richtung. Das Aufatmen der anderen Autofahrer, die nun wieder die Hauptstraße für sich hatten, konnte ich geradezu hören.

Ich selbst tuckerte weiter hinter der Kolonne her. Die Armee von Gülle-Spritzern verteilte sich rund um mein Haus auf den Feldern. Immer neue Wagen rückten nach. Ein atemberaubender Geruch verbreitete sich. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt dieses kleinen Schauspiels, das sich mir jedes Jahr bietet. Die Gülle-Wagen sind ein Zeichen dafür, dass auf dem Land der Frühling beginnt. Honig schleudern – so nennt eine Dame aus dem Nachbardorf die Gülle-Fahrerei, schließt die Fenster und wartet, bis es vorbei ist. Und genau so halte ich es seit Jahren auch.

Frühling hat also sehr viel mit Warten zu tun. Warten an der Waschanlage. Warten auf den Sommer. Und warten, dass die Gülle-Tage vorbei sind. Also rund um mich herum stinkt es zwar, aber deshalb stinkt mir das Landleben noch lange nicht. Ich kann ja warten. Und zur Not schnuppere ich zwischendurch mal am Waschmittel. Das ist ja immer frühlingsfrisch.

Anke Weber

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben
Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.