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Giersch-Gemüse

Mein Landleben Giersch-Gemüse

Die Natur explodiert. Das ist im Mai so üblich. Morgens wache ich wieder sehr früh auf, weil die Vögel mir den anbrechenden Tag fröhlich ins Ohr zwitschern. Meine Nase wittert schon Flieder und Maiglöckchen.

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An manchen Tagen bekommt man eine Menge Herzen geschenkt – man muss sie nur entdecken.

Quelle: Weber

 Und meine Augen befinden sich im permanenten Gelbrausch, angesichts der blühenden Raps-Felder und Löwenzahn-Wiesen. Vom frischen Grün euphorisiert, renne ich wie alle anderen in den Garten. Dort, wo diese Natur-Explosion von sämtlichen Beeten Besitz ergriffen hat, bleibe ich atemberaubt stehen. Ein Vergissmeinnicht-Meer. Gesäumt von Magnolien- und Tulpenblüten. Aber es sind nicht nur Blumen, die ich sehe. Unkraut überwuchert meine Motivation. Werde ich meinen Beeten jemals wieder Struktur einhauchen können?
Völlig überfordert hocke ich vor dem Grün. Was wird Blume? Was kann ich entfernen? Diesbezüglich experimentiere ich schon jahrelang mit der Abwart-Strategie. Oft wird es keine Blume. Aber die feinen Pflänzchen, die häufig auch hübsche Blüten bekommen, Unkraut zu nennen, finde ich unangemessen. In anderen Sprachen gibt es auch kaum ein vergleichbares Wort. Was soll das auch bedeuten? Un-Kraut? Also Nicht-Kraut? Das geht ja gar nicht. Kraut ist Kraut. Und würde ich es im bekannten Sinne als Unkraut betrachten, hätte ich sowieso ein extrem wucherndes Problem. Da wäre zum Beispiel der Giersch. Lange Zeit habe ich ihn bekämpft. Aber: Den kann man essen! Er soll sogar ein echtes Vitamin-C-Wunder sein. Früher hat man ihn als Heilmittel gegen Gicht und Rheuma verwendet. In Klostergärten wurde er als Nutzpflanze kultiviert. In Korea gilt er gar als Gemüse-Delikatesse und Giersch-Rezepte sind dort keine Seltenheit. Außerdem entwässert er den Körper und stärkt das Bindegewebe. Genug Gründe, mal am Giersch zu knabbern.
Schmeckt ein bisschen nach Petersilie. Oder Sellerie. Oder so ähnlich. Die großen Blätter sind etwas zäh. Aber das ist ja immer so. Ich bin noch in der Versuchs-Phase. Aber man soll Pesto oder Kräuterbutter daraus machen können. Auch wie Spinat zubereitet und zu Nudeln serviert soll er gut schmecken. Oder in einer Quiche verarbeitet. Wahrscheinlich geht auch Giersch-Kräuter-Quark. Seit ich das alles weiß, kommt mir mein Garten gar nicht mehr so verkrautet vor. Ist ja quasi alles Gemüse. Und ich habe jetzt auch viel weniger Arbeit. Ich jäte nämlich nicht mehr. Ich ernte schon.

Von Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.