Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Glück pflücken

Eine Frage der Aufmerksamkeit Glück pflücken

Eigentlich ist Klee dreiblättrig. Das sagt schon sein Name: Trifolium. Wenn ich über meinen Rasen gehe, ist dort viel Trifolium zu finden. Ebenso an den Wegesrändern und auf den Wiesen vor meiner Haustür. Vierblättriger Klee ist dagegen eine Seltenheit, heißt es.

Voriger Artikel
Haus am See
Nächster Artikel
Schöner Regen

Glück im Schnapsglas.

Quelle: Weber

Vermutlich gilt er deshalb auch als Glücksbringer. Die Kelten glaubten, dass er magische Kräfte verleiht. Im Mittelalter nähte man sich vierblättrigen Klee in die Kleidung, um sich auf Reisen vor Unglück zu schützen. Und Frauen, so heißt es, sollten sich gut umsehen, bevor sie den Glücksbringer pflücken. Angeblich heiraten sie den Mann, den sie als Nächstes sehen. Wahrscheinlich gilt dieser Spruch aber nur für junge Mädchen, ansonsten hätte ich schon ziemlich oft einen meiner Nachbarn heiraten müssen. Ich finde neuerdings nämlich ständig vierblättrigen Klee. Schon im vergangenen Sommer war die Sache mit den Kleeblättern irgendwie auffällig. Ich entdeckte sie einfach im Vorbeigehen. Und diesen Sommer trage ich schon fast täglich vierblättrigen Klee nach Hause.

Inzwischen verschenke ich die Glücksbringer großzügig. Neulich an meine Tochter. Zwei Wochen später erzählte sie mir beim Hunde-Spaziergang mit Bedauern, dass sie versäumt habe, das Blatt zu pressen und es inzwischen verwelkt sei. Fast im selben Moment bückte ich mich, pflückte ein vierblättriges Kleeblatt und schenkte es ihr. Meine Tochter war beeindruckt. Ich hatte inzwischen allerdings eine Erklärung für dieses Phänomen. Scheinbar habe ich irgendwann mein Auge auf diese Ungewöhnlichkeit geschult. Man bekommt das, worauf man intensiv seine Aufmerksamkeit lenkt. Ich deutete auf die hochgewachsene Blumenwiese und sagte, dass jemand aus der Stadt wohl auch nicht die Reh-Lauscher bemerken würde, die ich gerade entdeckt hatte. Bestätigend hob der Hund seine Nase. Meine Tochter musste sehr lange gucken, bis sie die wackelnden Ohren von den sich im Wind wiegenden Blüten unterscheiden konnte.

Aber wer viel in Wald und Feld unterwegs ist und dem Treiben dort Aufmerksamkeit schenkt, sieht das Reh sofort. Jäger zum Beispiel. Sie sind darauf programmiert, das Wild zu entdecken. Und ich – ich bin eben auf Glück programmiert. Meine vierblättrigen Fundstücke stelle ich jedes Mal in ein Schnapsglas. Mein täglicher Glücks-Shot.

Anke Weber

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben
Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.