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Goldener Herbst

Das Leuchten vor dem Winter Goldener Herbst

Die Tage sind noch warm, aber es lässt sich nicht mehr leugnen: Der Sommer geht zu Ende.

Landkreis. Von Anke Weber

Morgens im Badezimmer fröstele ich schon. Aber noch scheue ich davor zurück, die Heizung anzumachen. Es wäre das Eingeständnis, dass es jetzt wirklich vorbei ist mit dem Barfußlaufen und den Abenden auf der Terrasse. Einmal hatte ich abends bereits den Ofen an. Aber sein Knistern wollte nicht so recht zu meinem Gefühl passen. Für den Ofen ist es noch zu früh. Ich möchte ihn nicht loslassen, diesen Sommer.

Am Schreibtisch trage ich längst Socken und beim Schreiben werden meine Finger kalt. Überhaupt ist es schwierig, die richtige Kleidung zu finden. Es ist jetzt im Haus kühler als draußen. Deshalb gibt es nur eine Lösung für mich – möglichst viel Zeit draußen zu verbringen. Neulich habe ich entdeckt, dass es in meiner Nähe Buchen gibt, die gerade jede Menge Bucheckern abgeworfen haben. Man glaubt gar nicht, wie die Zeit verfliegt, wenn man begonnen hat, die winzigen Nüsschen aus ihren Hüllen zu schälen. Sie schmecken lecker. Aber während ich dort auf dem Boden hockte und mich der kleinteiligen Arbeit widmete, bekam der Spruch „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“ eine ganz neue Bedeutung. Irgendwann ließ ich die Bucheckern hinter mir und erlöste den ungeduldigen Hund. Wir setzten unseren Spaziergang fort, bis ich ein paar Heidelbeer-Sträucher im Wald sah.

Runzelige Früchte, zu wenig Regen

Die Früchte waren runzelig. Zu wenig Regen. Aber ich probierte sie trotzdem. Sie schmeckten wie Dörrobst. Die Natur hatte die Konservierung selbst übernommen. Eine ganze Weile später, watete mein Rüde durch einen Bach. Seine kleine Kneipp-Kur ließ mir Zeit, das dornige Gebüsch genauer zu betrachten. Mittendrin ein verlockendes Leuchten. Brombeeren. Vorsichtig schob ich meine Hand durch die Dornen und pflückte eine. Sie war perfekt. Schwarz, saftig, prall und süß. Ich steckte mir eine weitere in den Mund und betrachtete die gelben Gartenblumen neben mir. Irgendwer hatte irgendwann hier seinen Kompost verteilt und dem Wald eine Portion Farbe hinzugefügt. Auf dem Rückweg klaubte ich einen roten Apfel aus dem Gras. Der Abschluss meines selbst gesammelten Frühstücks.

Schließlich fand ich vor einem Haus noch jede Menge Kastanien. Ich steckte mir eine in die Hosentasche. Sie soll mich in den nächsten Wochen daran erinnern, dass es wirklich keinen Grund gibt, dem Sommer hinterherzujammern. Jahreszeiten sind schön. Und so ein goldener Herbst ist eine gnädige Zwischenzeit.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.