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Herberge für Insekten

Mein Landleben Herberge für Insekten

Wie lebt es sich in einem Insektenhotel? Anke Weber berichtet in ihrer Kolummne vom Zusammenleben mit Ameisen, Wespen und Co.

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Ein Rollladen-Kasten ist ein prima Insektenhotel. Auch Wespen fühlen sich darin wohl.  

Quelle: Weber

Von Anke Weber

Morgens aufwachen, die ersten Sonnenstrahlen auf der Nase spüren und anhand der Helligkeit die Uhrzeit bestimmen – ich finde das wunderbar. Meine Tochter nicht. Sie braucht Dunkelheit für ihren Schlaf. Deshalb ist der Rollladen in ihrem Zimmer der einzige, der regelmäßig betätigt wird. Wahrscheinlich ist er deshalb auch der einzige im Haus, der kaputt gegangen ist. Leider ist es ein innen liegender Rollladen-Kasten. Kein Öffnen ohne gleichzeitige Beschädigung der Wandoptik.
An einem besonders heißen Tag, den man durchaus gerne im Garten verbracht hätte, ging mein Mann also im Dachgeschoss an die Arbeit und öffnete den Kasten. Zum Vorschein kam ein Mikrokosmos. Eine kleine Oase für Tiere und Tierchen. Wir fanden Leichen, einen nahezu undurchdringlichen Vorhang aus Spinnweben und ein verlassenes Wespennest. Keine Ahnung, wie bei ständiger Rollladen-Benutzung so ein Universum entstehen kann. Und warum hatten wir die Wespen nicht bemerkt? Hatten sie den Mechanismus des Rollladens auf dem Gewissen? Unwahrscheinlich.
Mein Mann entfernte jedenfalls das Nest, reparierte den Rollladen und versuchte, die Wandoptik wieder herzustellen. Allerdings fehlte es an Spachtelmasse. Es war Sonntag. Versuche, das Material bei Nachbarn zu bekommen, scheiterten. Spachtelmasse ist eben kein Zucker. Aber hatte meine Tochter nicht mal irgendwann Gipsmasken angefertigt? Und gab es da nicht diese Gipsbinden? Wir suchten und fanden. Und mein Mann streifte mit den Händen den Gips von den Binden. In eine Schüssel hinein. Es dauerte. Aber mit der kleinen Ernte mischte er eine Masse an und reparierte die Wand. Gegen Abend hatte ich von Rollläden-Kästen und Insekten die Nase voll.
Kurz darauf bekam ich ein Insektenhotel geschenkt. Das sind diese Dinger, die aussehen wie Vogelhäuschen und mit Röhrchen, Stroh und allerlei löchrigem Material vollgestopft sind. In Gärten, die mit der Nagelschere gepflegt werden, eine sinnvolle Möglichkeit, den Insekten einen Unterschlupf zu bieten. Aber ich brauche kein Insektenhotel. Auf meinem Grundstück gibt es Haufen und Häufchen mit Tonröhren, Steinen und Laub. Dazu morsche Äste, die im waldigen Teil meines Gartens herumliegen. Ein Insekten-Paradies. Abgesehen davon entern die Insekten ja sowieso mein Haus. An der Fußleiste in meinem Büro wandert gerade ein Ameisenvolk entlang – ich weiß nicht, wohin. Und dann sind da ja auch noch die Rollläden-Kästen. Für das fliegende Getier. Herzlich willkommen. Der Zimmerservice ist schon durch.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.