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Herbstfeuer-Erinnerung

Mein Landleben Herbstfeuer-Erinnerung

Neulich bin ich vor meinem Haus aus dem Auto gestiegen und hatte plötzlich einen Geruch in der Nase, der einen ganzen Film in meinem Kopf ausgelöst hat.

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Quelle: SN

Im Garten meiner Nachbarn konnte ich den Schein eines Lagerfeuers – bestimmt ein Feuerkorb – entdecken. Ich hörte Stimmen, wie sie nur im Feuerschein bei Dämmerung im Herbst klingen: Ein Teil des Klangs vom aufsteigenden Nebel verschluckt, der andere Teil am stillen November-Abend hell und klar. Der unnachahmliche Geruch von Herbstfeuer-Gekokel erfüllte die kühle Abendluft und vermischte sich mit dem Hauch meines Atems. Direkt und ohne Vorwarnung befand ich mich mitten in meiner Kindheit.

 Damals gab es Herbstfeuer. Mein Opa stocherte mit seiner Forke in einem Haufen brennender Äste und Zweige herum und später, wenn das Feuer kleiner wurde, durfte ich Kartoffeln am Stock in das Feuer halten. Marshmallows kannte ich damals noch nicht. Ebenso wenig wie Halloween. Wir gingen Matten Mär’n. Am 10. November – nicht am 11. oder gar zwei Mal. Matten Mär’n und Herbstfeuer gehören in meiner Erinnerung jedenfalls zeitlich zusammen. Die Kartoffeln für das Feuer sammelte ich auf dem kleinen Garten-Acker meines Opas – die Reste der Ernte. Sie wurden nicht in Alu-Folie eingewickelt, sondern einfach so in das Feuer gehalten. Die Schale wurde schwarz und es entstand eine dicke verbrannte Schicht. Die Kartoffeln waren so heiß, dass ich sie selbst nicht auseinander brechen konnte. Mein Opa konnte. Die Haut an seinen Fingerkuppen war längst nicht mehr so zart wie meine Kinderhaut. Das Innere der Feuer-Kartoffel dampfte und schmeckte nach Abenteuer und Freiheit. Nicht so gezähmt wie gekochte Salzkartoffeln. Ich mochte auch die verkokelte Schale. Aber das war sogar damals schon verboten.

 Während ich das scharfe Taschenmesser aus Opas Jackentasche fingerte, das Stock-Ende anspitzte, meine Kartoffel ins Feuer hielt und ungeduldig in die Flammen blickte, gab es für mich nur diesen einen Ort und diesen einen Menschen. Die Welt um uns herum war mir egal. Ich dachte nicht daran, den besonderen Moment für die Nachwelt festzuhalten und hätte auch gar nicht den Fotoapparat dafür gehabt. Ich prüfte den Moment auch nicht auf seine Besonderheit hin. Er war einfach: besonders. Ich war direkt in ihm. Und gar nicht bei Facebook.

Von Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.