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Herz-Holz sägen

Mein Landleben Herz-Holz sägen

Auf meinem Waldgrundstück hat sich eine Menge Holz angesammelt. Solches, das gesägt werden wollte. Die Stapel, die teilweise auch den Zugang zu meinem Schuppen erschwerten, hatten mich schon eine ganze Weile genervt.

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Herzen finden bei der Sägearbeit.

Quelle: Anke Weber

Aber mit der Bedienung von Motorsägen kenne ich mich nicht aus. An dieser Stelle endet meine Emanzipation. Motorsägen machen Krach, riechen nach Öl und Sprit, sind schwer und gefährlich. Zum Glück gibt es Männer, die auf diese Mischung aus Lärm und Motoröl stehen und solche Holzhaufen einfach mal beseitigen. Mein Mann hat das gemacht.

Allerdings schreien manche Arbeiten geradezu nach einem Handlanger und das war in diesem Fall ich. Riesige Äste mussten auf den Metall-Sägebock gehievt und nachgeschoben werden. Ich war ein bisschen angeschlagen, an jenem Tag. Mein Rücken wollte mir eigentlich keine körperliche Arbeit erlauben. Aber ich schwieg. Alles andere wäre mir zu peinlich gewesen – immerhin war es mein Holzhaufen, der beseitigt werden sollte.

 Also wuchtete ich Ast für Ast auf den Bock, riss mir an den scharfen Halte-Zacken die Unterarme auf, weil es für lange Ärmel einfach zu heiß war und war dankbar, dass es eine gesetzliche Mittagsruhe gibt. Ansonsten hätte mein Mann wahrscheinlich durchgearbeitet. Er scheint beim Arbeiten niemals Hunger, Durst oder eine Art Energieabsenkung zu verspüren. Das ist bei mir anders. Ich denke bei körperlicher Arbeit schon nach einer Stunde an Pause und Schokolade.

Wir aßen Erdbeeren und ich versuchte, nicht zum Holzstapel zu sehen. Er war zwar kleiner geworden, aber erschien mir trotzdem wie ein Berg. Am Nachmittag rappelte ich mich wieder auf und schob weiter Äste über den Sägebock. Gerade, als ich überlegte, ob es hilfreich wäre, mich heulend ins Gras zu schmeißen, entdeckte ich ein gesägtes Holzstück mit einem Herz in der Mitte. Mein Mann sägte mir eine Holz-Herz-Scheibe ab und plötzlich hatte ich endlich eine Aufgabe, die mir entsprach: Herz-Hölzer finden.

Sofort ging mir die Arbeit leichter von der Hand. Meine Sammel-Leidenschaft ungewöhnlicher Dinge war geweckt und ich merkte gar nicht mehr, wie schwer die Äste waren. Dann, auf einmal, war der Haufen weg. Aufgesägt. Ich kann endlich wieder ohne Hindernislauf in meinen Schuppen gehen. Meine Garten-Optik ist ansatzweise wieder hergestellt. Und ich habe eine neue Erkenntnis gewonnen: Holz sägen ist gar nicht so schlimm, wenn man den Blickwinkel ändert und einen Mann hat, der zwischendurch mal ein paar Herz-Holz-Scheiben sägt. Von Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.