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Holz-Empathie

Thema des Tages Holz-Empathie

Auf meinem Grundstück liegt viel Holz. Solches, an dem noch Arbeit hängt. Ein paar Männer meinten beim Anblick der Haufen, es würde mir in zwei Jahren einen Winter lang einen warmen Arsch sichern.

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Holz-Empathie

Trockene Jahre oder Regenjahre? Der Blick in die Jahresringe.

Quelle: Anke Weber

In zwei Jahren. Das lernt man vom Holz – das Warten, die Geduld und die Langsamkeit, die in der Stadt auch gerne Entschleunigung genannt wird. Ich lebe schon recht entschleunigt. Allein deshalb, weil ich zwischen Wald und Feld nicht immer Handy-Empfang habe und dazu ein sehr begrenzt schleuniges Internet. Da lernt man Geduld. Aber das Holz lehrt noch mehr. Ehrfurcht. Vor dem Wachstum.
Bisher habe ich fast jeden Winter ofenfertiges Holz gekauft. Das musste ich maximal stapeln und später ins Haus tragen. Fertig Wärme. Dieses Mal spalte ich selbst. Und wenn der Holzspalter in den auf Ofenlänge gesägten Teilen des Eichenstammes steckenbleibt, dann ist das keine Freude. Einmal habe ich es auch mit der Axt versucht. Mädchen-Arme, sage ich nur. Also so ein Spalter ist definitiv ein Beschleuniger beim Holzmachen. Trotzdem bleibt noch jede Menge Zeit, um über das Holz nachzudenken. Und beim Anblick der Jahresringe kommt bei mir echte Empathie für den Baum auf. Ich stelle mir vor, wie Schädlinge an ihm genagt haben. Habe zehrende Trockenzeit und üppige Jahre vor Augen. Das ist wie beim Fleischkonsum. Der Kauf eines Filet-Stücks ist ganz leicht. Beim Zerteilen ganzer Tiere lässt sich das Lebewesen aber nicht mehr wegdenken und der Hintergrund wird bewusster. Während ich also Holz zerteilte und sinnierte, träumte meine Tochter von einer Schreibtischplatte aus Holz. Und sie meinte nicht diese Platten aus aneinander geleimten Stücken. Sie meinte Vollholz. Gesägter Stamm. Nur geschält, gehobelt und geölt. Die Variante für Trüffelschweine. Sie zeigte mir ein Bild im Internet und ich verdrehte die Augen. Keine Chance. Der Länge nach gesägte Stämme. Die müssen jahrelang lagern. Das gibt es nicht einfach so im Möbelgeschäft.
Aber auf dem Land gibt es solche Schätze manchmal doch. Als meine Tochter sich aus der privaten Lagerung eines Freundes eine Eichenplatte, so dick wie meine Hand lang ist, aussuchen durfte, war sie gerührt. Sie hatte den Wert des Holzes erfasst. Und den Wert des Geschenks, das dieser Freund bereit war, ihr zu geben. Daran muss ich jetzt ständig denken, wenn ich am Holzspalter stehe. Ich frage mich, ob dieses Holz nicht zu schade für den Ofen war. Dieses Holz, das so lange gewachsen ist. Es hätte auch ein Tisch werden können. Oder ein Schrank. Etwas für immer. Aber dieses Holz ist Feuerholz geworden. Und das ist auch wertvoll. Denn es wird einen Winter lang meinen Arsch wärmen.

Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.