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Illegale Einwanderer mit Punkten

Mein Landleben / Marienkäfer Illegale Einwanderer mit Punkten

Draußen ist es kühl geworden. Aber in meinem Haus krabbelt noch ein letzter Gruß des Goldenen Oktobers und hält die Erinnerung an die Wärme des vergangenen Wochenendes wach. Es war warm, Bilderbuchwetter. Gefühlt war der gesamte Landkreis Schaumburg im Freien unterwegs. Den Temperaturanstieg hatten offensichtlich auch andere Lebewesen bemerkt. Illegale Einwanderer besiedelten plötzlich mein Haus.

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Locken sich per Duftstoff an: Asiatische Marienkäfer überwintern normalerweise in großen Versammlungen an Felswänden – im Zweifel geben sie sich auch mit Hauswänden zufrieden.

Quelle: Weber

Sie waren klein, rot und hatten viele schwarze Punkte auf dem Rücken. Sie krabbelten überall – an der Hauswand, in den Ritzen der Eingangstür und von innen an den Fenstern.

Es schien mir aussichtslos, die Käfer einzufangen. Härtere Methoden sind nicht meine Art. Also hoffte ich auf ihren baldigen Rückzug. Einige hatten bereits ihr Leben beim Schließen der Haustür gelassen. Ihr Auftauchen in großer Menge rief kein Entzücken bei mir hervor. Ich kannte die Tierchen schon. Ein erstes Erlebnis mit der – hierzulande noch recht neuen – asiatischen Marienkäfer-Variante, hatte ich bereits im Frühjahr. Meine Tochter hatte eines Morgens in ihrem Zimmer den Rolladen hochgezogen und scherzhaft kommentiert, sie müsse erstmal ihre Marienkäfer freilassen. Zwischen Rolladen und Balkontür hatten mindestens fünfzig Käfer die Nacht verbracht. Die Tür zu öffnen, war ein schlimmer Fehler. Die Gepunkteten waren sofort Richtung Innenraum gekrabbelt und geflogen. Naiv hatte ich sie noch vorsichtig in ein Glas geschoben und wieder ins Freie gebracht. Eine völlig sinnlose Maßnahme, wie ich heute weiß. 

Was mich besonders interessierte, war der Grund, warum diese Käfer plötzlich aufgetaucht waren. Angeblich, so ergab meine Internet-Recherche, locken sie sich gegenseitig durch Duftstoffe an, um Gruppen zu bilden. Auf diese Weise können sie im Frühjahr besser Partner finden. Neulich war ich nun von Neuem erstaunt. Partnersuche im Herbst? Das kam mir – zumindest in der Tierwelt – ungewöhnlich vor. Wieder befragte ich das Internet und fand heraus, dass sich die kleinen Laus-Fresser auch per Duftstoff verständigen, wenn der Winter bevorsteht. In ihren Heimatländern überwintern die asiatischen Marienkäfer in großen Versammlungen an Felswänden. Hier lag eindeutig eine Verwechslung vor: Mein Haus ist keine Felswand! Mit Schrecken erfuhr ich, dass die Käfer in Amerika, wo sie einst absichtlich zur Blattlaus-Beseitigung importiert worden waren, längst eine Plage sind. Aus Ermangelung an Felswänden finden sie sich im Herbst an Mauern und Hauswänden ein, um zu überwintern. Einen Spitznamen haben sie in den USA auch schon: Halloween-Käfer.

Ängstlich behalte ich seitdem meine Hauswand im Blick. Noch mehr Wintergäste! Damit ist ja wohl auch klar, was mir im Frühjahr bevorsteht, wenn alle Käfer wieder aus ihren Löchern kriechen und Partner suchen. Türen und Fenster bleiben dann auf jeden Fall geschlossen. Mein Haus ist doch kein Käfer-Bordell.
Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.