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Im Regen tanzen

Mein Landleben Im Regen tanzen

Am sichersten ist es im Auto. Diesen Gewitter-Spruch habe ich als Kind verinnerlicht. Wenn am Badesee ein Gewitter aufzog, rafften wir alle Sachen zusammen, flüchteten ins Auto und aßen im Chaos zwischen feuchten Handtüchern unsere hartgekochten Eier, während draußen die Blitze zuckten.

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Kein Ausweg aus dem Hurricane-Matsch – da können nur noch Treckermänner helfen.

Quelle: Anke Weber

Gewitter-Picknick im Auto war spektakulär und aufregend. Wenn der Donner in der Ferne verklang, krochen wir aus dem Wagen und patschten durch  die Pfützen. Ungefähr so kam ich mir neulich beim Open-Air-Festival Hurricane in Scheeßel vor.

Das für unbeständiges Wetter bekannte Hurricane lieferte dieses Jahr eine Steigerung. Mehr Regen. Mehr Gewitter. „Am sichersten seid ihr im Auto“, hieß es. Aber als das Gewitter längst vorüber war, stand das Gelände noch immer unter Wasser. Ein ganzer Festival-Tag fiel aus. Harte Arbeit für alle Mitarbeiter sowie viel Wartezeit für die Festival-Besucher.

Und was machen Menschen, die im Matsch sitzen und warten? Sie sind wie Dorfkinder in den großen Ferien – ziehen durch die Landschaft, nehmen, was sie finden und spielen damit. Ich bestaunte die Ausgelassenheit der Menge – trotz Zeltbruch und Isomatten-Untergang ließen sich die Leute in den überfluteten Camps auf Luftmatratzen treiben und hüpften und tanzten im Matsch. Manche spielten mit umfunktionierten Zeltstangen Bierdosenangeln, Fremde bemalten sich gegenseitig mit Glitter und Filzstiften, andere bastelten Schilder mit Aufschriften wie „Wattwanderung“ oder bauten aus Plastiktüten und Gaffer-Tape Gummistiefel. So ein Festival ist wie ein Wochenende Kindheit. Sich dreckig machen, die Arme vollkritzeln, Zöpfe flechten, Strümpfe mit Löchern tragen, auf Luftmatratzen in See stechen und erst wieder an Land gehen, wenn die letzte Band sich mit einem „Thank you very much“ verabschiedet.

An Land zu gehen – oder zu fahren – war eine Herausforderung. Ich selbst hatte den VW-Bus mit Hilfe meiner Tochter frühzeitig über Rest-Gras-Inseln aus dem Krisengebiet manövriert. Aber nur wenige schafften es auf diese Weise. Die Furchen waren längst zu tief. Da half nur schweres Gerät. Ich wusste es ja schon immer –

Treckerfahrer sind unersetzlich. Unermüdlich zogen sie Autos und Wohnmobile durch knietiefen Schlamm auf den sicheren Asphalt. Manche Besucher mussten länger bleiben – bis der rettende Trecker kam. So ist das Hurricane. Unberechenbar wie das Wetter. Aber es gibt ja kein schlechtes Wetter – man braucht nur die richtige Kleidung. So ähnlich verhält es sich mit dem Hurricane: Es gibt kein schlechtes Festival – man braucht nur die richtige Einstellung. Und mit der wird auch aus der schlammigsten Situation ein lustiges Event. Thank you very Matsch!

Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.