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Im Rotlicht-Viertel

Landkreis / Mein Landleben Im Rotlicht-Viertel

Früher war es nachts dunkel auf dem Land. Draußen in Feld und Wald, dort, wo es keine Straßenlaternen gibt, warfen einzig der Mond und die Sterne einen Lichtschein. In bewölkten Nächten blieb es schlicht stockduster. Einmal war im Sommer an meinem Fahrrad das Licht ausgefallen und ich konnte die Asphaltstraße nur noch erahnen. Ich landete im Gebüsch und musste den Rest des Weges schieben. Gleichzeitig versuchte ich, zwischen den Baumkronen eine Schneise zu erkennen, die mir den Straßenverlauf verraten würde. Heute ist das anders.

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Orientierungshilfe für Landbewohner: Bei Nacht weisen die Windrad-Blinklichter den Weg nach Hause.

Quelle: Anke Weber

Um mich herum wachsen Windräder plötzlich wie Pilze aus dem Boden. Seitdem kann ich mich sehr gut orientieren. Auch nachts. Ursprünglich dachte ich, Windräder hätten nur einen einzigen Auftrag – nämlich die Erzeugung umweltfreundlicher Energie. Inzwischen habe ich aber entdeckt, dass die Windmühlen auch andere Nützlichkeiten aufweisen. Erstens: Ich finde viel besser nach Hause, wenn es draußen dunkel ist. Zweitens: Auch die anderen finden jetzt viel besser zu mir nach Hause. Wegbeschreibungen hangeln sich neuerdings konsequent an Windrad-Gruppen entlang und führen meine Besucher sicher zum Ziel. Obwohl ich mich zunächst nur schwer mit der neuen Optik meines Lebensraumes abfinden konnte, gehe ich neuerdings davon aus, dass man die Windräder sogar touristisch noch ausschlachten kann. Immerhin prägen sie das Landschaftsbild in der Region. Und wer hat in der Stadt schon ein Windrad vor der Tür?
Von Tag zu Tag freunde ich mich mehr mit den Wind-Riesen an. Auch die Tiere scheinen sich an das schneidende Geräusch der Rotor-Blätter gewöhnt zu haben. In den Abend- und Morgenstunden tummeln sich Hase und Reh unter den roten Lichtern. Akzeptieren sie die ungewöhnlichen Dinger vielleicht als überdimensionale exotische Bäume? Oder haben sie die Blinklichter auch als Orientierungshilfe schätzen gelernt? Vor einigen Tagen hatte ich sogar den Eindruck, dass sich die Waldbewohner absichtlich dort treffen! Der Acker unter einem Windrad glich einem Versammlungsplatz. Direkt unter dem Turm standen Rehe – außergewöhnlich viele Rehe. Mehr, als ich je auf einem Fleck gesehen hatte. In unmittelbarer Nähe hoppelten ein paar Hasen über das Feld. Das Treiben kam einer tierischen Vollversammlung gleich. Eine Demonstration? Die Hoffnung auf außerirdische Begegnungen? Karneval der Tiere? Ich konnte mir dieses Schauspiel absolut nicht erklären. Meine Beobachtung ließ mich lange grübeln. Dann die Erkenntnis: Unter den Windrädern ist ein tierischer Kiez entstanden. Und ich wohne jetzt mitten im Rotlicht-Viertel!
Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.