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Januarglück

Mein Landleben Januarglück

Im Januar bin ich immer ein bisschen froh, dass Weihnachten und Silvester wieder vorbei sind. Mit einer gewissen Erleichterung räume ich die Reste der Feste zur Seite, trage den Weihnachtsschmuck wieder auf den Dachboden und versetze das Haus in seinen ursprünglichen Zustand.

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Und dann liegt das Jahr plötzlich vor mir - wie ein leeres Blatt Papier. Rein und unbeschrieben. Alles scheint möglich. Als hätte ich plötzlich neue Zeit geschenkt bekommen. Und weil ich auch nicht so ein Vorsätze-Typ bin, der sich schon zu Beginn des Jahres meterhohe Hürden baut, empfinde ich im Januar immer eine gewisse Leichtigkeit. Der Garten will noch nichts von mir und ich fühle mich auch aus Mangel an Schönwetter-Einbrüchen nicht vor die Tür gezogen.
Aber dann kommen die anderen Menschen. Sie reden vom Abnehmen und joggen an meinem Haus vorbei. Sie räumen ihre Häuser auf und um, putzen alles, trinken keinen Alkohol mehr und schieben angebotene Schokolade mit einem Aufschrei des Entsetzens von sich. Sofort meldet sich mein schlechtes Gewissen. Sollte ich nicht auch das Haus durchsortieren und mich von Altlasten befreien, um das neue Jahr ohne diesen Ballast zu beginnen? Leichter werden? Sportlicher werden? Weniger Schokolade essen und mehr Obst? Plötzlich scheint der so leicht begonnene Januar eine Last. So viele Möglichkeiten. So viele Entscheidungen. Ein Newsletter, den ich abonniert habe, sagt mir, welche Gartenarbeiten im Januar zu erledigen sind. Was? Ich dachte im Januar liegt im Garten alles brach. Aber ich soll jetzt schon schneiden und lüften, und wenn ich mir ganz viel Mühe gebe, bringe ich sogar den Glücksklee, den ich zu Silvester geschenkt bekommen habe, zum Blühen. Außerdem steht da: Gerätehütte aufräumen. Also daran will ich gar nicht denken. Außerdem geht das viel besser, wenn es warm ist.
Es kommen auch noch andere Newsletter, die mir sagen, wie ich das neue Jahr bestens beginne. Außerdem trudeln Einladungen ein. „Safe the date“, steht da. Und gemeint ist, dass ich mir auf keinen Fall etwas anderes vornehmen soll. Plötzlich habe ich das Gefühl, dass mein neues Jahr schon voll verplant ist und ich keine Zeit für nichts mehr habe. Dabei war doch gerade noch alles so leer und leicht. Es gibt nur eine Lösung – Entscheidungen treffen. Ich werde auf keinen Fall joggen oder auf Schokolade verzichten. Aber den Glücksklee rette ich, damit er im Sommer blüht. Eine glückliche Aussicht. Und dann werfe ich noch den einzig wirklich hinderlichen Ballast ab – mein schlechtes Gewissen. Wusste ich doch – im Januar ist alles möglich.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.