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Kaugummiautomaten

Mein Landleben Kaugummiautomaten

Ich bin Autofahrerin. Zur Fußgängerin werde ich nur in zwei Fällen – wenn ich mit dem Hund im Feld spazieren gehe oder in der Stadt, nachdem ich das Auto geparkt habe.

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 Kleines klebriges Glück im Automaten an der Hauswand.

Quelle: Weber

Die Orte um mich herum kenne ich also nur per Blick durch die Windschutzscheibe. Das ist natürlich etwas traurig, denn es gibt in den Straßen, die ich sonst nur durchfahre, durchaus Dinge zu entdecken.

Das weiß ich, weil mein junger Hund lernen soll, sich auch im öffentlichen Raum gut zu benehmen. Deshalb nehme ich ihn im Auto mit zum Supermarkt, fahre wie üblich weiter zum Schreibwarenladen und steige dort mit dem Hund aus, um ihn an Fußgänger, Kinderwagen, Marktgeschehen und Baustellen zu gewöhnen. Das alles gibt es bei mir zu Hause, irgendwo zwischen Wald und Feld, nämlich nicht.

Unsere erste Exkursion endete für mich ziemlich peinlich. Ich wurde bei einer überraschenden Hunde-Begegnung Opfer seiner Kraft und legte einen spektakulären Sturz hin. Wie schön, dass ich eine große Menschengruppe an diesem Tag sehr erfreuen konnte. Dennoch habe ich mir seitdem einen aufmerksamen Rundumblick angewöhnt. Inzwischen klappt es recht gut mit unseren Wanderungen durch bewohntes Terrain. Es bleibt also Zeit, neben den Hunden um uns herum auch wieder andere Dinge wahrzunehmen. Zum Beispiel längst verschwunden geglaubte Kaugummiautomaten. Es gibt sie wirklich noch. Jedenfalls habe ich einen gesehen. Montiert an einer Hauswand. Ich konnte sofort den Geschmack dieser süßen Kugeln aufrufen. Leider fehlte es an den nötigen zwanzig Cent – ich schwöre, dass ich mir sonst einmal Drehen gegönnt hätte.

Stattdessen ging ich mit einer großen Wundertüte voller Erinnerungen weiter. Ich dachte an den Jungen, der einst eine große Menge seiner Groschen geopfert und solange Geld nachgesteckt hatte, bis er mir strahlend einen Glitzer-Ring überreichen konnte. Ich erinnerte mich daran, dass es vor dem Kaugummiautomaten in unserem Dorf zu regelrechten Kinderversammlungen gekommen war. Und an meine kleine Sammlung überflüssiger Dinge, die ich dem Kaugummiautomaten abgerungen hatte und wie ein kleines Heiligtum in einer Dose aufbewahrte.

Ich frage mich, ob es auch heute noch Kinder gibt, denen der Kaugummiautomat so viel bedeutet, wie uns damals. Und was sich heute so in diesem Automaten versteckt. Immer noch Gummi-Spinnen und Glitzer-Ringe? Ich glaube, ich muss mal wieder mit dem Hund in den öffentlichen Raum und sehr viele Zwanzig-Cent-Stücke mitnehmen. Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.