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Lärmende Stille

Mein Landleben Lärmende Stille

Die Welt dreht sich schnell. Und sie ist laut. Früher war das Laute die Revolution – zum Beispiel Rockmusik und Motorradlärm. Aber seit sich alle sogar beim Joggen in Wald und Feld per Ohrstöpsel mit Musik volldröhnen und die Sounds aus jedem Auto ballern, ist die wahre Revolution die Stille.

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Summen, Brummen, Zwitschern –der Frühling ist lauter als man denkt. aw

Von Anke Weber. Einfach mal nichts hören. Fernseher aus. Telefon auf lautlos. Und nicht die Waschmaschine vergessen, die mit nervigem Gepiepe das Ende jeden Waschgangs verkündet. Alle Geräte auf  Stopp. Ich habe das mal ausprobiert und nach der Stille gesucht. Der beste Ort dafür schien mir mein Garten zu sein. Vorher musste ich allerdings alle Geräte außer Gefecht setzen. Das hat ziemlich lange gedauert. Zweimal saß ich schon auf der Gartenbank und musste wieder aufstehen, weil doch noch irgendwoher ein elektronischer Ton kam. Erst war es das Telefon im Zimmer meiner Tochter. Schließlich noch der Wäschetrockner.
Dann endlich. Stille. Das dachte ich jedenfalls für einen Moment, während mir auf der Gartenbank die Sonne ins Gesicht schien. Bis ein Hahn penetrant durch die Nachbarschaft krähte. Es folgte Hundegebell in weiter Ferne. Mein eigener Hund lag ganz nah bei mir in der Sonne und schnarchte – das war auch nicht gerade leise. Nach und nach begann mein Gehör, aus der vermeintlichen Stille extrem viele Geräusche herauszufiltern. Der Wind strich leise durch Büsche und Baumwipfel. War das schon die Saat der Kiefern, die in den Baumwipfeln knisterte? Irgendwo hinter mir nahm ich das schneidende Geräusch der Windräder wahr. Darunter mischte sich ein Treckermotor. Bienchen summten vereinzelt beim Anflug auf ein paar Blüten. Die Nachbarskatze flüchtete mit einem Aufschrei vor meinem plötzlich aktiv gewordenen Hund. Und nicht zu vergessen – die Vögel. Sie sangen und tirilierten, zwitscherten und piepten. Ein Frühlingskonzert ganz für mich allein.
Aber galt das als Stille?
Gegen diesen Vogel-Zwitscher-Alarm wäre nicht einmal mein Wecker Konkurrenz gewesen. Ein Vogel in meinem Garten schrie sogar regelrecht. Das war quasi Vogel-Rock‘n-Roll. Also diese Stille in meinem Garten macht eigentlich einen Höllenlärm. Besonders der eine Vogel mit dem penetranten Elektro-Sound ging mir etwas auf die Nerven. Ach nein. Das war der Backofen. Den hatte ich bei meiner großen Stille-Suche nicht berücksichtigt. Offenbar waren bereits fünfzig Minuten vergangen. Mein Auflauf war fertig. Piep, piep.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.