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Matsch mit Glückspotenzial

Mein Landleben Matsch mit Glückspotenzial

Früher kam sonntags oft Besuch. Tanten, Onkel, Bekannte. Dann gab es Kuchen. Aber vorher sollten wir Kinder uns gute Sachen anziehen. Überhaupt zog man sonntags gute Sachen an. Und man durfte auch nicht zu seinen Freunden laufen und mit denen, wie sonst, am Graben oder in der Scheune spielen.

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Man sich ja dreckig machen können. Das war nicht erwünscht. So kam es, dass sonntags alle Kinder in sauberer Kleidung zu Hause rumsaßen, an kratzigen Pullovern und Strumpfhosen herumgezuppelt und sich gelangweilt haben.
Später, in meiner Jugend, hatten die Jungen so einen Gruß, den sie sich immer mit auf den Weg gaben: Bleib’ sauber. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht. War eben so ein Spruch und bedeutete für mich so viel wie: Mach’ keinen Unsinn. Seit ich eine junge Dogge habe, ist das mit dem Sauberbleiben allerdings zu einer völlig neuen Herausforderung geworden. Besonders in dieser matschigen Zeit, in der sich der Erdboden schon beim ersten Schritt aus dem Haus mit einem Quatschen bis zu den Knien aufstülpt.
Normalerweise ziehe ich Hundeklamotten an, wenn ich durch Wald und Wiesen wandere. Aber neulich war ich zu einer Veranstaltung eingeladen und wollte den Hund vorher nur noch einmal kurz laufen lassen. Im fertigen Outfit trat ich vor die Tür. Bleib’ sauber, dachte ich noch. Exakt in diesem Moment kam der Rüde im Doggensprung und schenkte mir seine ganze Liebe. Von oben bis unten. Bleib’ sauber – das geht einfach nicht. Seit mir das klar ist, habe ich noch eine weitere Erkenntnis. Der Spruch meiner Kumpels war nicht einfach so ein Spruch. Er war Ausdruck eines Kindheit-Traumas. Wer sauber bleibt, hat nichts erlebt. Und irgendwie ist es doch auch viel leichter, mit ein bisschen Dreck auf den Klamotten. Denn ist der Rock erst ruiniert, lebt’s sich völlig ungeniert. Also ich stecke meine Jeans jetzt abends immer voller Stolz in die Waschmaschine. Die sind so richtig schön dreckig. Voller gelebter Abenteuer. Und voller Doggen-Liebe.

Von Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.