Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Mein Europäer

Mein Landleben Mein Europäer

Während Europa langsam zerbricht, halte ich den Gedanken an den geeinten Kontinent natürlich weiter hoch. Deshalb habe ich jemanden bei mir aufgenommen. Er ist männlich. Manche behaupten, er sei ein Däne. Sein Vater ist allerdings Italiener.

Voriger Artikel
Unter Wildschweinen
Nächster Artikel
Mit Fröschen schwimmen

Kaschmir. Deutsche Dogge mit Ahnen aus vielen Teilen Europas.

Quelle: Weber

 Und seine Mutter hat spanische, polnische und französische Ahnen. In Wirklichkeit ist er aber urdeutsch. In diesem Zusammenhang erscheint es etwas merkwürdig, dass er schwarz ist. Aber für eine Deutsche Dogge ist das ganz normal. Benannt habe ich ihn nach einem in Europa sehr beliebten Pullover-Material: Kaschmir. Allerdings geht er mit uns nicht mehr ganz so kaschmir-weich um, wie sich sein Fell anfühlt.
Am ersten Abend entfernte er sich maximal drei Meter von meinem Bein. Ich war beglückt. Endlich ein Hund, der bei Fuß gehen würde. Auch am nächsten Tag war er noch schüchtern. Einer Animateurin gleich lief ich mit ihm durch den Garten und zeigte ihm Ecken und Winkel. Zuerst war ich noch begeistert, als er sich immer mutiger das Terrain eroberte. Das änderte sich schlagartig. Inzwischen hat er nämlich auch Ecken und Winkel entdeckt, die ich ihm gar nicht gezeigt hatte. Auch solche mit Schuhen und Kabeln.
Sofort buchte ich das Startpaket einer Hundetrainerin. Vier Einzelstunden Welpenfrüherziehung. Diesen Frechheiten musste schließlich Einhalt geboten werden. Die Frau sagte, ich solle seinen Aktions-Radius kleiner halten, damit er später, im Rüpel-Alter, nicht aus dem Ruder laufe. Nur ein paar Tage und ich hatte schon alles falsch gemacht. Auch diese Welpen-Beißerei, die in seiner Schüchternheits-Phase noch niedlich war, wird langsam schmerzhaft. Das Doggen-Baby hat nämlich heftige Energieschübe und wird dann sehr rabiat. Die Hundetrainerin hat mir geraten, ebenfalls rabiater zu werden. Aber er ist doch noch ein Baby. Der hat doch noch Welpenschutz.
Auch das lässt die Hundetrainerin nicht gelten. Unter Hunden gibt es in Wirklichkeit nämlich gar keinen Welpenschutz. Leider fehlt mir selbst aber der rabiate Wesenszug. Der kleine weiche Kaschmir hat das natürlich längst bemerkt und attackiert meine Füße immer noch im Zuge seiner Energieschübe. Hilfe! ICH brauche einen Welpenschutz. Aber so ein vereintes Europa fordert eben Opferbereitschaft.
Dabei fällt mir auf: Sogar ein Engländer steckt zumindest sprachlich in meiner Dogge. Immerhin ist die Bezeichnung Dogge auf das englische Wort für Hund – nämlich dog – zurückzuführen. Schade: Irgendwie kann ich gar keine griechischen Spuren entdecken.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben
Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.