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Achtung! Schützenwanderung!

Mein Landleben Achtung! Schützenwanderung!

Rund um das Autofahren gibt es viele Vorurteile. Zum Beispiel, dass Frauen nicht einparken können. Oder dass Leute vom Land die schlechteren Autofahrer sind. Das ist natürlich totaler Quatsch. Tatsächlich sieht sich der Landmensch im Auto mit äußerst kuriosen Herausforderungen konfrontiert.

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Vergleichsweise geht es in der Stadt sicher und geregelt zu. Schon wegen der vielen Ampeln. Sogar Hunde setzen sich dort bei Rot brav hin. Auf derart kontrolliertes Verhalten auf dem Land zu hoffen, wäre lächerlich. Im Dorf kommen Hunde ohne Vorwarnung aus Hofeinfahrten gelaufen und versuchen, in die rollenden Autoreifen zu beißen. Hühner flattern über Zäune und knapp an der Windschutzscheibe vorbei. Und manchmal purzeln Heuballen von einem Trecker-Anhänger und landen auf der Motorhaube. Deshalb sind Land-Autofahrer flexibler, entspannter, hilfsbereiter und zuvorkommender.

Sie hupen zum Beispiel nicht, wenn sie auf Hindernisse treffen – wie riesige Landmaschinen, die auf dem Feldweg mit Jauche betankt werden. Auch nicht, wenn zwei Trecker mitten auf dem Weg stehen und die Fahrer sich eine Weile unterhalten, weil sie sich eben genau dort begegnet sind. Hupen wäre einfach unfreundlich. Also rumpelt man mit dem Auto über den Grünstreifen und hofft, dass der Aussenspiegel nicht am Baum hängen bleibt. Auch in der Aufmerksamkeits-Disziplin sind die Land-Autofahrer unschlagbar. Sie scannen die Gegend, erspähen die Reh-Lauscher im Kornfeld und ahnen den Wildwechsel schon voraus. Ein entspanntes Stop-and-Go-Verhalten haben sie sowieso verinnerlicht – es gibt schließlich Schafherden. Sogar mit dem sogenannten Feierabendverkehr sind sie vertraut. Von Zeit zu Zeit bildet sich nämlich hinter einer Kuhherde, die noch mit dem Fahrrad von der Weide getrieben wird, am späten Nachmittag eine kleine Autoschlange.

Echte Meister sind Land-Autofahrer aber im Slalom-Fahren. Das lernen sie im Frühjahr und Herbst während der Krötenwanderung. Eine Fertigkeit, die auch ab Mai hilfreich ist, wenn die Schützenwanderung einsetzt. Schützen haben nachts entfernte Ähnlichkeit mit wandernden Kröten – irgendwie grün und häufig auch kriechend. Autofahrer werden mit Transparenten darauf hingewiesen, in den betroffenen Gebieten besonders Rücksicht zu nehmen oder diese weiträumig zu umfahren. Landmenschen sind jedoch darauf trainiert, die hilflosen Geschöpfe am Straßenrand sofort zu erblicken, gegebenenfalls einzusammeln und sicher zu ihrer Schlafstätte zu begleiten. Ebenfalls eine Fähigkeit, die in der Stadt kaum ein Autofahrer vorweisen kann. Da weiß nämlich keiner, wo der andere wohnt.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.