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Mein Landleben Müll-Roulette

Manche Orte sind grenzwertig. Weil sie im Grenzbereich liegen. Zwischen zwei Gemeinden. In so einem Ort wohne ich.

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Versuch macht klug: Wer seine Mülltonne häufiger vor die Tür stellt, hat manchmal ein Erfolgserlebnis.

Quelle: Anke Weber

Von Anke Weber

Rein örtlich gefühlt, gehöre ich in die südliche Gemeinde. In Wirklichkeit ist aber die nördliche Gemeinde zuständig. Tatsächlich wohnen meine direkten Nachbarn und ich sogar in verschiedenen Gemeinden. Und das, obwohl unsere Häuser auf derselben Straßenseite stehen. Ihr Grundstück gehört zur Süd-Gemeinde. Allerdings führt ihre Hofausfahrt auf die Straße der nördlichen Gemeinde.

Wir haben also eine gemeinsame Straße, sogar dieselbe Telefon-Vorwahl, aber unterschiedliche Bürgermeister. Grundsätzlich ist das nicht so schwierig zu verstehen. In der Praxis kann es aber für sehr viel Verwirrung sorgen. Früher wurde in meiner Wohngegend sogar über Zweitwohnsitze im Haus der Nachbarn nachgedacht, um die Kinder dieselbe Schule besuchen zu lassen. Heute ist das Hauptproblem der Müll.

Das ist eine knifflige Aufgabe, wenn zu Jahresbeginn der Müllkalender in den Postkästen liegt. Verschiedene Touren kommen in Frage. Erstens: Die Tour der Süd-Gemeinde. Zweitens: Die Tour der Nord-Gemeinde. Und in diesem Jahr ist sogar der Ort, in dem ich wohne und der nur ein grünes Ortsschild hat, mit einer extra ausgewiesenen Tour auf dem Müllkalender vertreten.

Ganz klar, dass ich mir diese Tour mit Erinnerungsfunktion in mein Handy gespeichert habe. Der Müllwagen kam jedoch eine Woche vorher. Ich glaube, es war die Tour der Nord-Gemeinde. Ich hörte das Müllwagen-Geräusch. Adrenalingepeinigt schoss ich aus dem Haus – zu spät. Aber ich hatte Glück. Der Müllwagen-Fahrer machte ein paar Meter weiter Frühstückspause. Ich rannte zu ihm und er setzte noch einmal zurück. Ein Nachbar, der auf der Müll-Tour erst nach mir dran ist, ging gerade mit seinem Hund spazieren und konnte seine Tonne ebenfalls noch auf die Straße ziehen. Was war aber mit den anderen Tonnen?

Ich vertraute darauf, dass die regulär eingeplante Tour für unseren Ort in der Woche darauf dennoch stattfinden würde. Fehlanzeige. Meine anderen Nachbarn blieben auf ihren vollen Tonnen sitzen. Eine Nachbarin fragte direkt beim Abfallunternehmen nach und erwirkte eine Leerung für den nächsten Tag. Aber wann kommt nun der Müllwagen das nächste Mal? Stellen wir die Tonnen bei der Nord-Gemeinde-Tour raus? Oder bei der Süd-Gemeinde-Tour? Oder bei der dritten Tour, die es vorher nie gab?

Und wie machen wir es mit den gelben Säcken und den Papiertonnen? Im Moment versucht es jeder mal bei einer anderen Tour. Quasi Glücksspiel. Da werden dann manche zu Gewinnern. Und die anderen zu Müll-Touristen.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.