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Müllers Stube

Mein Landleben Müllers Stube

Angesichts der derzeitigen Flüchtlöingsströme erinnert sich Anke Weber an die Flucht-Geschichten ihrer eigenen Familie.

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Flüchtlingshilfe kann ganz einfach sein - einfach mal den Schrank ausmisten. 

Quelle: pr.

Von Anke Weber

Im Haus meiner Großeltern gab es einen Raum, den wir Müllers Stube nannten. Dort wurden Geburtstage gefeiert und während wir Kinder ausnahmsweise Eierlikör genossen, lauschten wir den Geschichten der Alten. Auch denen, die von Müllers Stube handelten. Dort hatten einst Flüchtlinge gewohnt. Wir wussten, was Flüchtlinge waren: Mein Vater, unsere Großeltern, Tante, Onkel. Ihre Flucht-Geschichte wollte ich immer wieder hören. Die Geschichte, als die Familie schon entzweit schien, weil meine Oma mit den Kindern nicht am verabredeten Ort auftauchte. Und als alle Hoffnung schon begraben schien, gab es diesen Augenblick, der ebensogut hätte verstreichen können. Aber er verstrich nicht und die Familie war wieder vereint. Ein kleines Wunder in einer unsicheren Welt.
Diese oft erzählte Familien-Geschichte einer ostpreußischen Flucht geistert mir dieser Tage durch den Kopf. So oft, dass ich in ein Flüchtlings-Camp gefahren bin. Im Auto Berge frisch gewaschener Kleidung und einen jungen Hund. Kurz darauf stand ich in der Kleiderkammer vielen Menschen gegenüber. Woher sie kamen? Syrien. Afghanistan. Pakistan. Sie alle einte ein Bedürfnis - Kleidung. Stundenlang rannte ich mit anderen Helfern hin und her. Immer mit der guten Absicht, nicht nur die Größe, sondern auch den Geschmack zu treffen und einen Hauch von Würde zu schenken. Es gelang nicht immer. Aber wenn, dann konnten wir es in den Augen lesen. Kleider machen Leute. Das weiß jeder. Darum gaben wir uns Mühe, jedem Einzelnen ein annähernd passendes Outfit in die Hände zu legen. Einem etwa neunjährigen Jungen konnte ich dieses Geschenk nicht machen. Er nahm die letzte Jacke in seiner Größe. Sie roch nach Keller. Er lächelte trotzdem.
Ich sah ihn später auf dem Kasernenhof. Nachdem ich das Mädchen beobachtet hatte, das mit einem Vierkant-Holz auf eine soeben erhaltene Puppe einschlug. Brutal. Unerbittlich. Undankbar? Das war die etwa Siebenjährige sicher nicht. Ich schätze, sie hatte nur endlich ein Ventil gefunden – für die Bilder in ihrem Kopf. Von diesem Anblick schockiert, öffnete ich den Kofferraum. Der Hund musste dringend aus dem Auto geholt werden. Die meisten Kinder hielten Abstand.
Der Rüde ist imposant. Doch der Junge mit der Jacke kam angelaufen, fragte per Blick, ob er den Hund anfassen dürfe und hörte nicht mehr auf, ihn zu küssen und zu streicheln. Schließlich überließ ich dem Jungen die Leine. Er kannte sich eindeutig mit Hunden aus. Ließ die Leine nicht los. Auch nicht, als der Rüde heftig zog. Einen Gedanken kann ich seitdem nicht abschütteln: Dass der Junge einen Hund hatte – so wie mein Vater früher in Ostpreußen.
Mein Haus hat kein Gästezimmer. Auch keine leer stehende Ferienwohnung. Aber wenn ich an das Mädchen und den Jungen denke, wünschte ich, ich hätte eine Müllers Stube übrig.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.