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Pilz-Trauer

Wenn im Wald nur Blätter glänzen Pilz-Trauer

Seit Wochen richte ich die Augen beim Hundespaziergang auf den Erdboden und scanne jede noch so verdächtige Erhebung. Schimmert da etwas? Nein, nur ein feuchtes Blatt. Ich suche. Pilze. Aber dieses Jahr gibt es keine Pilze.

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Ein eindeutiges Zeichen während einer enttäuschenden Pilz-Suche.

Quelle: Anke Weber

Zuerst habe ich mich vertröstet. Das kommt noch, dachte ich. Aber die naturgetrockneten und verschrumpelten Heidelbeeren im Wald flüsterten mir etwas anderes zu: Es war zu trocken. Und es ist immer noch zu trocken. Jedenfalls für Pilze. Für mich nicht. Ich komme damit ganz gut klar. Aber die Pilze hätte ich schon gerne gehabt.

Bei jedem Regenschauer schöpfte ich neue Hoffnung. Wieder nichts. Dann erinnerte ich mich, dass letztes Jahr rund um mich herum die Wälder gekalkt worden waren. Der Hubschrauber war tagelang in meiner Gegend unterwegs, ebenso wie ein Verantwortlicher von der Landwirtschaftskammer, den ich beim Hundespaziergang traf.

Natürlich wollte ich alles ganz genau wissen und der Mann erklärte mir, dass über Niedersachsens Wäldern Kalk verstreut werde, um die durch sauren Regen übersäuerten Böden zu neutralisieren. Oder so ähnlich. Ist ja lange her. Aber ich erinnerte mich daran, weil der Mann auch sagte, dass es in den nächsten Jahren deshalb wohl nur sehr wenig Pilze geben würde. Und jetzt, da ich keinen einzigen Pilz finde, frage ich mich natürlich, ob es am Kalk liegt.

Auch andere Pilzsammler berichten mir, dass sie vergebens durch den Wald ziehen. Sogar dort, wo gar keine Kalk-Hubschrauber unterwegs waren. Dann ist wohl doch der Feuchtigkeits-Mangel die Ursache.

Vor ein paar Tagen hat es wieder genieselt und im Wald roch es an einer Stelle ganz extrem nach Pilzen. Ich war sicher, nun doch noch fündig zu werden. Und ich fand auch etwas. Keinen Pilz. Aber einen abgesägten Ast, der wohl von Holzarbeiten liegengeblieben war. Und dort, wo man sonst Jahresringe zählt, waren Fraß-Spuren – ein trauriger Smiley mit nach unten gezogenen Mundwinkeln. Wahrscheinlich ein Zeichen: Hier keine Pilze!

Eine Botschaft, dass ich es jetzt endlich lassen soll, mit der Pilz-Sucherei. Und meinen Blick wieder auf positive Dinge richten soll – und die anderen Sachen, die man draußen sammeln kann. Zum Beispiel Walnüsse. Deshalb wandere ich jetzt alle paar Tage mit meinem Pilzkörbchen durch den Garten eines Bekannten und klaube die Nüsse vom Rasen.

Hinterher bekomme ich immer einen Kaffee und ein Stück Kuchen. Ist doch viel besser als im Wald so einsam umherzustreunen und keine Pilze zu finden. Abgesehen davon sind noch nie irgendwelche Waldbewohner aus ihren Höhlen gekrochen und haben mir Butterkuchen angeboten.

Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
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