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Schafsgeduld

Mein Landleben Schafsgeduld

Anke Weber geht in ihrer Landleben-Kolummne den Ursachen ihrer Ungeduld auf den Grund. Und findet beim Blöken der Schafen zurück zu ihrer inneren Mitte.

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Geduldsübung mit Schafen. 

Quelle: Weber

Von Anke Weber

Das Gegenteil von Geduld ist Ungeduld. Davon habe ich manchmal ziemlich viel. Man sieht sie mir nicht unbedingt an. Ich pöbele nicht an Kassen herum, wenn es nicht weitergeht. Und ich hupe nicht, wenn vor mir ein Autofahrer auf freier Landstraße über die Fahrbahn schleicht und ich wegen des Gegenverkehrs nicht überholen kann. Aber ich würde gerne. Hupen. Schreien. Mich aufregen.
An anderen Tagen habe ich sehr viel Geduld. Dann bringt mich nichts aus der Ruhe. Nicht der Trecker vor mir. Nicht die Fahrradfahrer, die zu viert nebeneinander fahren und kein Auto bemerken.
Seit Jahren frage ich mich, woran es liegt, dass ich in der einen Situation lächelnd abwarten kann und in der nächsten Situation verrückt werden könnte. Ich habe es noch nicht herausgefunden. Es passiert einfach. Und hat nichts mit Zeitdruck zu tun.
Vor einiger Zeit hatte ich allerdings eine Erkenntnis. Ich kam aus der Stadt und war unterschwellig aggressiv. Autofahrer hatten mich nicht in Lücken gelassen und eine Passantin, die ich versehentlich angerempelt hatte, war über alle Maßen aus der Haut gefahren. Was für ein Nerv. Was für ein Lärm. Und was für ein Verkehrsaufkommen.
Derart vom städtischen Treiben aufgeputscht, fuhr ich nach Hause. Ich hatte es eilig. Wollte so schnell wie auf dem Sofa einen ruhigen Abend verbringen. Außerdem hatte ich Hunger. Nur noch ein Feldweg war zu überwinden. Mein Haus war zum Greifen nah.
Und plötzlich waren sie da. Schafe. Eine ganze Herde. Ich wusste genau, bis zu welcher Abzweigung sie vor mir herziehen würden weil ich wusste, wo sie wohnten. Etwa ein Kilometer gemeinsamer Strecke lag vor uns. Es gab keine Möglichkeit, mich an ihnen vorbeizuschieben. Zuerst verspürte ich aufkommende Ungeduld. Der Gedanke an die Nudeln, die ich zu Hause essen wollte, machte mich wahnsinnig. Aber dann wurde ich immer ruhiger.
Es war ein sonniger Abend. Das monotone Blöken der Schafe drang durch mein geöffnetes Autofenster. Die Musik hatte ich ausgeschaltet. Ich sog die leicht feuchte Luft ein, die nach Sommerwiese roch. Ein paar Lämmer brachten mich zum Lächeln.
Seitdem weiß ich, dass es auf dem Land leichter ist, sich in Geduld zu üben. Weil der Anblick von Schafen einfach idyllischer ist, als der Anblick pöbelnder Passanten und Autoschlangen.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.