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Mein Landleben Schneckenpost

Diese Woche lag ich auf der Lauer. Vor meinem Briefkasten. Nicht, weil ich auf einen Brief gewartet habe, sondern weil ich eine Schnecke erwischen wollte. Ich wollte ein Foto von ihr – der Täterin.

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Schnecken haben Hunger – und wenn es nichts anderes gibt, fallen sie halt über die Post her. 

Quelle: pr.

Von Anke Weber

Sie hatte meine Post zerfressen. Ich erwischte sie jedes Mal auf frischer Tat. Direkt auf den zerlöcherten Briefen und umgeben von winzigen weißen Krümelchen. Die Krümel waren Teile meiner Briefe, nachdem sie den Verdauungstrakt der gefräßigen Schnecke passiert hatten. Ja, die Schnecke hatte wirklich weiße Krümel gekackt.

Am ersten und am zweiten Tag entfernte ich die Schnecke vorsichtig und setzte sie ins Gras. Ich machte mir nicht die Mühe, einen großen Abstand zwischen Schnecke und Briefkasten zu bringen. Das hätte ich tun sollen. Aber ich hatte keine Ahnung, dass Schnecken immer wieder an den Ort ihrer Schandtaten zurückkehren.  Von Mäusen wusste ich das. Einen Winter lang hatte ich immer wieder dieselbe Maus lebendig gefangen und in den Garten gesetzt – am nächsten Tag war sie wieder im Haus. Aber Schnecken?

Am dritten Tag war es soweit – ich ärgerte mich. Die Schnecke hatte erneut den Weg zum Briefkasten überwunden und sich über einen Geschäftsbrief hergemacht. Zerfressen war er ausgerechnet an der wichtigsten Stelle. Etwas unsanfter als zuvor streifte ich die Schnecke mit einem Papier ab und ließ sie ins Gras plumpsen. Erst am Schreibtisch kam ich auf die Idee, die Schnecke in meiner Kolumne zur Schnecke zu machen. Für das Foto, so dachte ich, wäre am nächsten Tag ausreichend Gelegenheit. Ich hatte ja meine Erfahrungswerte. Aber es war eine sensible Schnecke. Sie kam nicht wieder.

Mehrere Tage wartete ich. Vergebens. Dann machte ich mich auf die Suche nach einer anderen Schnecke, um das Bild nachzustellen. Aber ich fand keine. Und das, obwohl mein Garten sonst wirklich von diesen Schleimviechern dicht besiedelt ist.

Gerade, als ich von einer erneuten Schnecken-Suche aus dem Garten kam, rief meine Freundin aus Spanien an und fragte, was ich so treiben würde. Ich ließ mich sehr lange über abtrünnige Schnecken aus. Weil meine Freundin immer nach einer Lösung sucht, bot sie mir an, eine von den vielen Schnecken in ihrem Garten einfach auf den Briefkasten zu setzen und ein Foto zu machen. Und so kam es, dass eine spanische Schnecke für eine norddeutsche Geschichte als Model zum Einsatz kam.

Am Morgen, nachdem meine Freundin in Spanien den fotografischen Aufwand betrieben hatte, saß eine Schnecke neben meinem Schuh. Keine Ahnung, woher die kam. Nikolaus ist doch erst nächsten Monat.

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.