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Schuh-Freundschaft

Mein Landleben Schuh-Freundschaft

Seit dem Sommer begegne ich beim Hunde-Spaziergang regelmäßig auf einer bestimmten Route einem roten Kinderschuh.

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Wie ein verlorener Schuh zu einer Freundschaft führte. Anke Weber

Landkreis. Zuerst lag er auf dem Erdboden. Ich reimte mir eine Geschichte zusammen. Ein Mädchen im Kleinkind-Alter sitzt in der Karre und langweilt sich während des Spaziergangs. Die Kleine nimmt ihren Fuß in die Hand, experimentiert ein bisschen herum und zieht sich selbst den Schuh aus, der auf den Boden fällt.

Es fallen oft Dinge aus Kinderwagen. Mützen, Schnuller, Tücher. Und manchmal eben auch ein Schuh. Ich schob ihn etwas an die Seite, damit er nicht vom nächsten Trecker zerquetscht würde und setzte meinen Weg fort.
Einige Tage später war der Schuh weg. Ich freute mich darüber, weil ich dachte,  Mutter, Vater, Oma oder Opa des Kindes hätten ihn wiedergefunden. Aber schon bald musste ich feststellen, dass dies keineswegs der Fall war. In der Woche darauf stand der Schuh nämlich auf einem Grenzstein – nur wenige Meter vom ursprünglichen Fundort entfernt.

Ich grübelte darüber nach, wohin er in der Woche zuvor entschwunden war. Mein Hund verschleppt manchmal Schuhe. Er war es zwar nicht gewesen, aber ich malte mir aus, dass ein anderer Hund den Schuh aufgenommen und irgendwo am Wegesrand wieder abgelegt hatte. Womöglich in der Nähe des Grenzsteines.

Einmal traf ich eine Frau mit Hund auf dem Weg und fragte, ob vielleicht ihr Hund der Schuh-Apportierer sei. Sie verneinte, aber wir gerieten ins Gespräch. Über den Schuh, die Hunde und das Leben.
Seitdem verabreden wir uns manchmal zum Hundespaziergang. Weil wir uns gleich sympathisch fanden. Und weil unsere Hunde so schön miteinander spielten. Wir dachten auch darüber nach, unsere Aufgabe als Schuh-Retter noch besser zu erfüllen und einen Schirm über dem Schuh aufzuspannen. Diese Idee haben wir jedoch verworfen.

Allerdings muss außer uns noch ein anderer Schuh-Retter unterwegs sein. Wahrscheinlich auch mit Hund. Der kleine rote Schuh hängt nämlich inzwischen in einem Baum. Unter dem Baum haben wir Fußspuren entdeckt. Mensch und Hund.

Die Hoffnung, dass der Schuh jemals wieder zu seiner Besitzerin gelangt, bevor ihr Fuß die nächste Schuhgröße erreicht hat, haben wir begraben. Aber ich bin sicher, dass wir eines Tages auch dem anderen Schuh-Retter begegnen. Und vielleicht wird daraus eine weitere Hunde-Spaziergangs-Freundschaft.

Manchmal liegen die wahren Wunder eben am Straßenrand. Oder hängen in den Bäumen.  Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.