Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Sehen und gesehen werden

Mein Landleben Sehen und gesehen werden

Hinter meinem Haus wird der Wald durchforstet. Ich höre Motorsägen-Geräusch und in kurzen Abständen das Krachen der gefällten Bäume, das die Tassen in meinem Schrank vibrieren lässt. Bei etwa jedem dritten Krachen renne ich in die Küche und scanne den Wald auf merkbare Lücken.

Voriger Artikel
Parallel-Welten
Nächster Artikel
Kalenderquatsch

Zuerst konnte ich kaum einen Unterschied ausmachen. Aber jetzt sehe ich Windräder, die ich zuvor nur gehört habe.Außerdem kann ich ein Haus in der Parallel-Straße erkennen und definitiv mehr Himmel sehen.

Die Sache mit dem Himmel gefällt mir. Aber ich mache mir Sorgen um meine Eichhörnchen. Sie haben sich in den letzten Tagen keine Nüsse aus dem Futterkasten geholt. Mussten sie flüchten?
Baumfällungen sind für mich immer eine zwiespältige Angelegenheit. Immerhin verändert sich ein Lebensraum komplett. Ganz egoistisch trauere ich zum Beispiel um mein Pilz-Revier, das ich im Herbst immer mit Wonne abgesucht habe. Mehr aber bange ich um die Tiere. Bei jedem fallenden Baum frage ich mich, ob nun ein wichtiger Meilenstein auf den Eichhörnchen-Wegen fehlt. Oder die Heimat eines Ameisen-Staates ausgelöscht wurde.

Aus diesen Gründen herrschte auf meinem Grundstück jahrelang Wildwuchs. In letzter Zeit haben mich allerdings wiederholt fachkundige Männer ermahnt, morsche und zum Haus neigende Bäume entfernen zu lassen. Und jetzt, vielleicht vom Frühling oder von den Waldarbeitern hinter dem Haus inspiriert, hatte ich plötzlich das dringende Bedürfnis nach Sonne auf dem Grundstück. Mit etwas Wehmut trennte ich mich, nachdem ich mich davon überzeugt hatte, dass die Vögel noch keine Nester gebaut hatten, von einer Tannen-Gruppe vor dem Haus. Seitdem steht mein Haus im Freien.
Ich weiß noch nicht, was ich von dieser Veränderung halten soll. Fest steht: Ich bin jetzt sichtbar. Mein Dasein im Verborgenen, hinter den Tannen, hat ein Ende. Und das hat ziemlich viele Folgen. Erstens: Ich sehe auch die anderen häufiger. Meine Nachbarn, die ich sonst oft nur hören konnte.

Wir winken jetzt mehr. Und wir sprechen mehr. Vielleicht bauen wir irgendwann sogar noch eine Pforte in den Gartenzaun zwischen unseren Grundstücken. Seit die Tannen weg sind, ist es auch in meinem Büro heller. Und wärmer. Denn neuerdings scheint die Sonne durch das Fenster. Also wenn Sichtbarkeit mehr Licht, mehr Wärme und mehr Kommunikation bedeutet, dann bin ich dafür. Und den Tieren pflanze ich ein neues Paradies.  Dort, wo die Tannen standen, blüht bald ein Apfelbaum.
Anke Weber

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben
Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.