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Socken-Botschaft

Mein Landleben Socken-Botschaft

Seit Mobiltelefone eine Fotofunktion haben und fast jeder sein Leben mit anderen via Foto in sozialen Netzwerken im Internet teilt, wird alles ständig fotografiert. Essen, Kaffee, neue Schuhe oder Konzertkarten zum Beispiel.

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Die ungeschönten Anblicke des Alltags.

Quelle: Anke Weber

Manchmal könnte man fast neidisch werden auf das Leben der Anderen. Es sieht immer so schön aus. Frisch gebadet und mit Herzen im Milchschaum. Wo sind deren Wäscheberge? Die ungebügelten Anblicke des Alltags werden nicht geteilt. Dabei kommt die Wirklichkeit doch häufig im Shabby-Look daher. Mein Kaffeebecher sieht zum Beispiel nur wenige Sekunden vollkommen aus. Dann – und das ist Sinn und Zweck der ganzen Angelegenheit – trinke ich aus dem Becher und den Rest des Vormittags steht ein Becher mit unansehnlichem Milchschaum-Rand und Kaffee-Rest auf dem Schreibtisch.

Abgesehen von Kaffeebechern haben auch Socken nur selten Vorzeigewert. Jeder hat ja so seine Erfahrungen mit Socken. Oft kommen sie ohne ihren Partner aus der Waschmaschine zu uns zurück. Ein Rätsel der Menschheit. Helle Socken führen einem permanent den Hygiene-Zustand des eigenen Fußbodens vor Augen. Und irgendwie liegen Socken auch ständig irgendwo herum. In Haushalten mit Kindern ein Phänomen. Wie gelangt zum Beispiel eine geringelte Socke in die Schublade mit dem Bürobedarf? Wurde es bei der Auswahl eines Bleistiftes plötzlich zu warm am Fuß? Man weiß es nicht.

Alptraum: Männersocken

Eine wirkliche Herausforderung für die ästhetisch veranlagte Frau aber sind Männersocken. Das wurde mir neulich klar. Ich hatte gesaugt und gewischt, während mein Mann draußen im Garten am Werk war. Zwischendurch brauchte er Werkzeug aus dem Haus. Vorbildlich zog er sich die Schuhe aus und ich wünschte, er hätte sie einfach angelassen. Reste des gemähten Rasens fielen von seinen Socken wie Tannenbaumnadeln. Eine Weile später, er hatte gerade mit der Motorsäge hantiert, holte er sich ein Getränk und verzierte die Küche mit Holzspäne.

Irgendwann fing es an zu regnen. Mein Mann beendete seine Arbeit, kam in die Küche, zog sich die nasse Hose aus, schmierte sich ein Brot, setzte sich an den Küchentisch und legte seine Füße auf diesen, während er selbstvergessen sein Brot aß und seine E-Mails las. Ich blickte auf seine nackten Beine und die schon fadenscheinigen Socken an seinen Füßen. Würde ich ihn wieder heiraten? Ich fotografierte seine Füße auf dem Tisch, um diesen denkwürdigen und ungeschönten Moment des Alltags festzuhalten. Als ich das Foto am nächsten Tag noch einmal ansah, bemerkte ich die Aufschrift auf den Socken: „nur der“.

Anke Weber

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Neue SN-Kolumne: Mein Landleben
  • Landleben ist trendy . Neuerdings hat sogar der Stadtmensch seine Liebe zum Land entdeckt und blättert sich sehnsüchtig durch die Hochglanz-Magazine. Anmutig schimmern da die Tautropfen auf prallen Beeren und die hochwertige Rosenschere mit Holzgriff liegt im aufgeräumten Schuppen.
  • Etwas anders stellt sich das Landleben in den Augen unserer Autorin Anke Webe r dar. Die SN-Journalistin hat schon immer auf dem Land gelebt und sieht in jeder üppig blühenden Blume auch den Dreck unter den Fingernägeln. Ihre Eindrücke vom Leben zwischen Steinhuder Meer, Deister und Wesergebirge schildert sie ab sofort jeden Sonnabend in der neuen SN-Kolumne „Mein Landleben“.